Von Spenden leben


Selbst beim Schreiben des Titels meines neuen Blogbeitrags spüre ich eine leichte innere Enge.
Doch finde ich, dass meine Leser ehrliche Worte meinerseits gewohnt sind und deshalb schreibe ich auch ehrlich.
Das Thema, über das ich schreibe, gehört eher zu den schambehafteten, über die man kaum etwas hört. Deshalb möchte ich es in Worte fassen.
Jeder von uns kennt die Anfragen nach finanzieller Unterstützung von Personen und Werken, und manchmal nerven solche Briefe geradezu in ihrer Häufigkeit.
Doch hinter diesen - oft als „Bettelbriefe“ bezeichneten - Anfragen verbergen sich echte Menschen. Wie es ihnen wohl geht, wenn sie solche Briefe schreiben müssen und auf Antworten warten, fragen wir uns meistens nicht. Ich verstehe das, denn wir können nicht unbegrenzt geben. Auch ich lösche manche solcher Mails ungelesen.
Als ich 1999 den Ruf erhielt, das erste moderne Gebetshaus in Deutschland zu gründen, war das zunächst eine große Überraschung für mich.
Damals arbeitete ich in einem Forschungsinstitut, wo ich mich mit viel Einsatz hochgearbeitet hatte. Meine Zeit dort dauerte insgesamt 27 Jahre und ist eine Geschichte voller Wunder. Mir ging es im Institut gut und meine Arbeit machte mir große Freude. Für meine Frau und mich war es selbstverständlich, einen nicht unerheblichen Teil unseres Einkommens an andere weiterzugeben, um sie freizusetzen für das, was wir als hilfreich und in Gottes Sinne ansahen.
Nachdem ich das Gebetshaus einige Jahre lang ehrenamtlich geleitet hatte, reduzierte ich aus Gründen des hohen, doppelten Arbeitsaufwandes im Institut auf 80%, später sogar auf 60%. Mit meinem Einkommen war uns das als Familie möglich und später kam ein Minijob im Gebetshaus hinzu.
2011 aber war klar: Ich konnte die beiden Arbeitswelten nicht mehr gleichzeitig bewältigen.
Von Institutsseite hatte ich gerade einen verlockenden Karriereschritt angeboten bekommen, der allerdings mindestens 100% Investition verlangen würde.
Das Wachstum im Gebetshaus wiederum verlangte einen Leiter, der vollzeitig vor Ort und ansprechbar ist. Ich musste eine weitreichende Entscheidung treffen.
Nach intensiver Prüfung und mit durchaus schnell schlagendem Herzen kündigte ich schließlich meinen sicheren und geliebten Job in der Forschung und machte mich völlig abhängig von Gottes Versorgung und der finanziellen Unterstützung durch andere Menschen - ich wechselte sozusagen die Fronten. Vom Geber wurde ich zum Empfänger, denn nun lebte ich zu 100% von freiwilligen Spenden.
Zu meiner Überraschung stellte ich bald fest, dass für mich als Angestellten eines spendenbasierten christlichen Werkes plötzlich andere Maßstäbe zu gelten schienen, als für Christen in „normalen“ Berufen. Wenn ein Gehalt aus Spenden kommt, schaut man selbst und andere genauer hin: Darf man sich diesen Urlaub leisten? Kann man sich neue Sneaker kaufen? Muss diese oder jene Anschaffung sein? Ausgesprochen wurde das selten. Aber ich habe es gespürt - in mir und anderen.
Mir begegnete sogar die Haltung, dass ich fortan bitteschön nur so viel verdienen sollte, dass es gerade so ausreicht.
Auch das wurde selten gesagt, doch ich hörte es. Am meisten getroffen hat mich das manchmal bei mir nahestehenden Bekannten. Sie waren in der Regel selbst gut abgesichert und für sie war es völlig normal über ein Haus, ein Auto, einen Urlaub oder eine Gehaltserhöhung nachzudenken. Ich fühlte mich manchmal regelrecht ausgeschlossen, so als ob diese Dinge für mich tabu wären. Ich glaube nicht, dass diese Menschen es böse meinten. Tatsächlich habe ich als Angestellter im Institut auch nie darüber nachgedacht, wie es wohl ist, so zu leben.
Doch dahinter steht oft ein Gedanke, den wir kaum bemerken: dass geistliche Arbeit weniger „echte“ Arbeit ist, weniger anstrengend und vielleicht sogar weniger wert. Auch der Verdacht, man arbeite sicher nicht so intensiv und lange wie ein „normaler Angestellter“ schwingt dabei mit.
Das ist ein Gedanke, den ich auch bei mir selbst immer wieder prüfen möchte. Vielleicht lohnt es sich auch für Dich: Welchen Maßstab lege ich an, wenn ich über das Einkommen von Menschen in geistlichen Berufen nachdenke? Würde ich ihn auch bei mir selbst anlegen? Warum mache ich einen Unterschied?
Für mich war das eine harte Schule und noch heute leide ich mit so manchem Missionar, der sich kaum etwas leisten kann, weil seine Spendeneingänge zu gering sind, der aber zugleich sein ganzes Leben in den Dienst anderer Menschen stellt.
Ich bin froh, dass ich die Seite des „sicheren Jobs“ mit einem geregelten Einkommen ebenso kenne, wie die innere Frage, ob genügend Menschen dauerhaft das, was man versucht, zu tun, unterstützen würden.
Unterstützer zu finden ist noch immer keine Aufgabe, die zu meinen geliebtesten gehört. Nach all den Jahren, die ich so lebe, kann ich zwar sagen, dass ich immer genug hatte, doch einfach ist dieser Lebensstil nicht.
Menschen, die von den Spenden anderer abhängig sind, brauchen zusätzlichen Glauben - für ihre Versorgung. Sie brauchen zusätzlich Zeit - um neue Unterstützer zu finden. Und sie müssen sich immer wieder rechtfertigen: innerlich vor Gott und äußerlich vor ihren Spendern. Das ist kein Spaß.
Natürlich bleibt der Einwand: Diesen Weg hat man sich selbst ausgesucht. Das stimmt, und wer vor dieser Entscheidung steht, sollte es bedenken. Zugleich frage ich mich: Wer würde tun, was diese Menschen tun, wenn es niemanden gäbe, der sie trägt?
Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich bitter geworden wäre. Gott sei Dank durfte ich erleben, dass ich immer gut versorgt wurde. Ich schreibe ihn vielmehr, um etwas transparent zu machen, worüber wenig gesprochen wird und um denen eine Stimme zu geben, denen es finanziell nicht gut geht, obwohl sie Gott von ganzem Herzen dienen. Das kann viele Gründe haben. Doch einer davon ist der, dass diese Menschen manchmal von uns allein gelassen werden. Und das tut mir weh.
Wenn Du also selbst von Spenden lebst: Du bist nicht allein, und was Du tust, ist es wert. Und wenn Du jemanden kennst, der so lebt: Frag ihn einmal, wie es ihm wirklich geht. Manchmal ist schon das ein Geschenk.
Ich bin zutiefst dankbar für alle, die mich über so viele Jahre getragen haben. Ohne sie gäbe es vieles nicht, was ich realisieren durfte.
Alles Liebe. Rainer


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