Ein Sofapsalm


Nach einem weiteren Seminarwochenende liege ich müde auf dem Sofa, denke nach und bete.
Mit geschlossenen Augen höre ich still hin zu dir und fange an, in meinem Inneren zu dir zu sprechen:
"Meine Seele sucht dich.
Meine Sehnsucht streckt sich weit hinauf in die Größe des unendlich scheinenden Raumes über mir. Wie Rauch steigt der Ruf nach dir aus der Tiefe meines Seins auf. Alles in mir ruft nach dir.
Ich denke an dich.
Ich wäre dir so gerne näher, als ich es jetzt bin. Meine Seele ist nicht satt, sondern hungrig. Mein Innerstes verzehrt sich nach dir.
Wie gern würde ich jetzt in deiner Gegenwart stehen und einfach da sein. Für immer bei dir bleiben, die Welt und mich selbst vergessen und nur noch dich sehen, bestaunen, bewundern. Du, mein Gott, wärest mir genug.
Aber ich muss warten.
Auch wenn es mir schwerfällt, muss mein durch deine Liebe verwundetes Herz warten. Es muss in Ahnung, Glauben und Lieben verbleiben, wie jemand, der vor einer Tür steht und die Stimme dahinter erkennt, das Gesicht aber noch nicht sehen darf. Ich muss den Schmerz ertragen, noch nicht ganz in dir aufgehen zu können.
Doch eines Tages werde ich durch diese letzte Türe gegangen sein, die mich noch von dir trennt, und dann werde ich dich endlich sehen können, wie du wirklich bist.
Endlich werden die unscharfen Bilder, die ich von dir in meinem Inneren trage, einer völligen Klarheit weichen. Dann wird sich manches Bild als Täuschung, als Verzerrung, als Überzeichnung herausstellen. Dann wird es nur noch Wahrheit geben, Reinheit und Schönheit.
Endlich wird alles gut sein.
Es verlangt mich nach dieser Zeit. Ich liebe das Leben, und doch weiß ich, dass ich bis jetzt nur wenig davon wirklich ergriffen habe und dass die Fülle des Lebens nur dort zu finden ist, wo du bist.
Ich warte auf den Tag, wenn meine Kämpfe endlich aufhören werden: diejenigen mit anderen Menschen, die, die ich mit mir selbst führe, und die, die ich manchmal mit dir kämpfe. Ich warte auf den Tag, an dem ich meine Waffen fallenlasse, meine Stacheln einziehe und mein Schild niederlege.
Dann werde ich vor dir stehen und ganz dein sein. Dann hört alles Ringen und Leiden, aller Trug und aller Schein, alles Verletzen und alles Verletztwerden auf, und endlich, o endlich werde ich dich haben und du mich, für immer.
Bis dahin werde ich Momente wie diesen durchleben: an einem ganz gewöhnlichen Abend von ungestillter Sehnsucht erfüllt zu werden.
Ich werde warten, mein Leben leben, meinen Beitrag leisten und den Hunger aushalten, der mich dir entgegenzieht."
Alles Liebe. Rainer



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