Wo stehe ich ohne mein Lebenswerk?


Letzte Woche habe ich geschrieben, wie mich die Weltnachrichten innerlich bewegen und was die Seligpreisungen mir in diesem Zusammenhang bedeuten.
Seither sind die Nachrichten nicht besser geworden:
In immer mehr europäischen Ländern gibt es öffentliche Proteste, die teilweise in
heftige Gewalttaten münden.
Aber nicht nur die Welt draußen rüttelt an uns.
Auch das, was im eigenen Leben ins Wanken gerät: unsere persönlichen Erfahrungen, Umstände und Probleme, die uns zu schaffen machen.
Ich stecke gerade selbst in großen Veränderungen:
Nach fünfundzwanzig Jahren gebe ich die Leitung meines Lebenswerks ab und lege das Gebetshaus Freiburg in die Hände jüngerer Menschen.
Dieser Übergabeprozess ist von langer Hand geplant, wird sorgsam von außen begleitet und behutsam umgesetzt. Er geschieht nicht einfach mit mir, sondern ich gestalte ihn mit. Bereits vor vielen Jahren war mir wichtig, den Schritt aus der Verantwortung zur richtigen Zeit zu gehen und nicht zu spät. Die Gefahr für Leiter, festzuhalten und damit der Sache eher zu schaden als zu nutzen, ist real.
Bald ist der Prozess der Übergabe abgeschlossen: Im November trete ich als Vorstand und Leiter zurück.
So ein Schritt rückt Fragen näher ins Bewusstsein, die ich vorher nur im Kopf bewegt habe. Jetzt aber kommen sie im Herzen an und sind nicht mehr theoretisch, sondern spürbar. Es mag anderen ähnlich gehen, die beispielsweise aus dem Berufsleben ausscheiden, auch wenn es das bei mir nicht bedeutet.
Es sind Fragen wie diese:
Wer bin ich, wenn das, womit man mich jahrzehntelang verbunden hat, nicht mehr ganz zu mir gehört? Wie gehe ich in eine wieder offene Zukunft? Wie stelle ich mich in Gesprächen vor, und wofür stehe ich künftig? Zur Unsicherheit da draußen kommt eine gewisse Unsicherheit in mir drinnen hinzu.
Wenn ich darüber nachdenke, stoße ich glücklicherweise immer wieder auf denselben Grund, der schon so lange mein Leben trägt:
den Fels, der nach 1. Korinther 10,4 Jesus Christus ist.
Wenn Gewohntes zu Ende geht und die Aufmerksamkeit zurückgeht, weil man nicht mehr das Gesicht einer großen Sache ist, dann braucht es mehr als einen bunten Teppich aus vorzeigbaren Leistungen. Es braucht festen Boden unter den Füßen, einen Boden, der trägt und nicht wankt, auch wenn sich die äußere und die innere Welt verändern.
Ich weiß nicht, wie es mir in dieser Phase ginge, wenn mein Leben nicht auf einem Felsen gegründet wäre.
Dass Aufmerksamkeit, Rampenlicht und Stellung schwinden, erleben wir früher oder später alle, spätestens mit dem Ruhestand.
Und dann gibt es noch ganz andere Dinge, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen können: der Tod eines geliebten Menschen, ein Bankrott, der Verlust des Arbeitsplatzes, der Verrat eines Freundes, ein Betrug oder Missbrauch.
Wie entscheidend ist es dann, dass der Grund hält. Und dass wir nicht erst jetzt merken, dass der bunte Teppich nicht trägt, sondern nur eine Leere bedeckte, in die wir nun fallen.
Ich will dich einladen, diesen Grund zu suchen und zu spüren, dass er trägt.
Ich will dich ermutigen, den Felsen immer besser kennenzulernen und Stück um Stück die Anker deines Lebens an ihm festzumachen: deinen Wert, deine Identität, deinen Frieden.
Ich will dich aber auch locken, deine Unruhe, deine Zukunftsängste, deine Enttäuschungen und deine Einsamkeit auf den Felsen zu legen. Denn angesichts seiner Größe und Majestät werden sie kleiner.
Alles Liebe. Rainer
PS: Im Februar 2027 erscheint mein neues Buch „Bleiben in Gott“. Es ist mein siebtes Buch und enthält - wenn ich das so formulieren darf - mein geistliches Vermächtnis. Es erzählt von dem, was wirklich trägt und davon, wie man Gott immer näher kommen und bei ihm bleiben kann, ganz egal, wie alt man ist und wie das Leben gerade aussieht.
Bereits jetzt gibt es die dazugehörende BLEIBEN-App. Sie unterstützt Menschen wie dich dabei, den Anker in Gott nicht zu verlieren und in der Nähe dessen zu leben, der der Fels ist. Ich würde mich freuen, wenn du dir die app einmal anschaust - vielleicht dient sie dir.
Hier findest du sie: https://bleiben.netlify.app/willkommen.html



Lieber Rainer, puuuuh ja das ist ein schwerer Schritt dein Lebenswerk und die Leitungsposition darin (oder besser das Werk, das Gott mit deinem Leben geschaffen ) hat loszulassen UND (nicht aber) Du machst das gut. Ah wie war das: Gut gemacht mein treuer Knecht. Ja das trifft es UND es geht weiter im und außerhalb des Gebetshauses. Es wird wohl ein komisches leicht wehmütiges Gefühl sein ab Dezember zu kommen und nicht mehr der zu sein, den man anspricht wegen organisatorischer oder Leitungsfragen, aber man wird dich ansprechen, weil "hinter" dem Leiter der Mensch Rainer zum Freund, zum Mentor, zum Bruder geworden ist. Ich werde das nie vergessen, als ich mit Lukas bei euch, du hattest ein Treffen mit ihm....da…