Was mir zu schaffen macht


Seit einigen Jahren begleite ich meine nunmehr achtundneunzig-jährige Tante.
Weil sie nicht mehr alleine leben kann, wohnt sie inzwischen in einem Seniorenheim. Sie hat den Zweiten Weltkrieg überlebt, war Leistungssportlerin und später Geschäftsfrau.
Jetzt sitzt sie im Rollstuhl und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Von der Kraft, die sie einmal hatte, ist wenig geblieben.
Ich besuche sie immer wieder, und jedes Mal ist mir danach schwer ums Herz.
Das Heim, in dem sie nun lebt, trägt zwar einen glanzvollen Namen, doch im Inneren ist davon wenig zu spüren. Mich erbarmt der Anblick der Bewohner, von denen viele dement zu sein scheinen oder sich ganz in sich zurückgezogen haben. Der Geruch, das Stöhnen, Schreien und Schimpfen gehen mir nahe.
Mir setzt die offensichtliche Vergänglichkeit des Lebens zu und dass die letzte Lebensphase bei uns in der Regel nichts mehr mit Schönheit zu tun hat.
Wenn ich danach ins Freie trete und die jungen Menschen sehe, kommt mir das fast surreal vor. Was jetzt so gesund und voller Leben wirkt, so hergerichtet und auf Außenwirkung bedacht, wird unweigerlich denselben Weg gehen wie die Menschen hinter der Tür, durch die ich gerade gegangen bin. Alle Bewohner, denen ich im Heim begegne, waren einmal jung, schön, schlank oder sportlich, so wie meine Tante. Davon ist fast nichts mehr übrig.
Der gesellschaftliche Wandel hat längst dazu geführt, dass Altern und Sterben im Kreis der Familie kaum noch möglich sind. Im besten Fall findet man ein Pflegeheim, in dem das Personal gut ausgebildet ist und nicht ständig am Limit arbeitet. Im schlechtesten Fall wird man zu einer Last, die kaum noch Zuwendung erfährt.
Ich nehme mich da nicht aus: Wir alle schieben das Sterben gern an den Rand, weil es unsere Illusionen stört. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dabei ist das eigentlich absurd, denn wir sind ausnahmslos selbst Betroffene.
In dieser Bedrückung tröstet mich wieder einmal Paulus. Wie immer schönt er nichts, sondern schreibt ganz ehrlich:
Ohne eigenes Verschulden sind alle Geschöpfe der Vergänglichkeit ausgeliefert, weil Gott es so bestimmt hat. Aber er hat ihnen die Hoffnung gegeben, dass sie zusammen mit den Kindern Gottes einmal von Tod und Vergänglichkeit erlöst und zu einem neuen, herrlichen Leben befreit werden. Wir wissen ja, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch leidet und stöhnt wie eine Frau in den Geburtswehen. Aber auch wir selbst, denen Gott bereits jetzt seinen Geist als Anfang des neuen Lebens gegeben hat, seufzen in unserem Innern. Denn wir warten voller Sehnsucht darauf, dass Gott uns als seine Kinder zu sich nimmt und auch unseren Körper von aller Vergänglichkeit befreit. (Römer 8,20–23, Hoffnung für alle)
Wer diese Worte liest, spürt: Wir Christen tragen den Beginn des neuen Lebens schon in uns, und doch sind wir von der Vergänglichkeit ebenso betroffen wie alle anderen Menschen.
Was bleibt, ist die Hoffnung auf die Unvergänglichkeit, die uns erwartet. Der Weg dorthin ist realistisch gesehen nicht schön. Wir müssen durch den Verfall hindurch, um zum ewigen Leben zu gelangen. Wir sterben dem Leben entgegen.
Ich weiß nicht, welches Ende mich einmal erwartet. Meine einzige Strategie, um bis zum Ende durchzuhalten, ist die Treue. Ja, Altersheime sind meist keine schönen Orte. Doch das Kreuz war es auch nicht. Ihm, der den körperlichen Verfall freiwillig und schuldlos um meinetwillen umarmt hat, will ich treu bleiben. An ihm will ich mich festhalten bis zum Ende, wie auch immer der Weg dorthin aussehen mag.
Alles Liebe. Rainer



Kommentare