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Was für eine Zeit, in der wir leben

Autorenbild: Rainer Harter
Rainer Harter
vor 15 Stunden
6 Min. Lesezeit

Jeden Morgen lese ich die aktuellen Nachrichten.


Dazu nutze ich ein Portal, das mir Zugriff auf verschiedene Quellen gibt. Auf diese Weise versuche ich mir einen etwas besseren Überblick zu verschaffen, denn leider berichten nicht wenige Nachrichtenmedien tendenziös.






In den letzten Tagen spüre ich beim Lesen eine echte Bedrückung. So vieles liegt im Argen, und ich merke, wie wenig ich daran ändern kann.


Mein Land

Da ist mein eigenes Land, das sich in einem unguten Umbruch zu befinden scheint. Im ARD-Deutschlandtrend vom Oktober sind nur 10 Prozent der Befragten mit Bundeskanzler Merz zufrieden. Das ist der niedrigste Wert für einen Kanzler seit 1997, 88 Prozent sind unzufrieden. Die AfD käme auf 27 Prozent, die Union auf 20.

77 Prozent der Befragten spüren zunehmend Belastungen, obwohl Entlastung versprochen wurde. Auf mich wirkt die Regierung wie erstarrt, und ich sorge mich, dass diese Unzufriedenheit extreme Kräfte stärkt.


Ich schaue nach Berlin.

Dort ist die Linke bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen erstmals stärkste Kraft geworden. Auf dem Landesparteitag im April rief ein Mitglied des Landesvorstands „Let’s defund the police!“. Und Ende September nannte eine Sprecherin der Linksjugend die Berliner Polizei auf einem Parteitag einen „kriminellen Clan“. Dazu kommt, dass die Linke seit Jahren wegen ihres Umgangs mit Antisemitismus in der Kritik steht. Ich bin fassungslos, wenn ich so etwas lese. Und ich merke, wie schwer es mir fällt, über Menschen, die so wählen, nicht vorschnell zu urteilen.


Am 10. Oktober sind im Berliner Regierungsviertel rund 3.500 Menschen bei der Demonstration „United4Palestine“ mitgegangen. Die Polizei nannte den Verlauf überwiegend störungsfrei, griff aber vereinzelt ein, unter anderem wegen des Verdachts auf Volksverhetzung und Beleidigung und wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger oder terroristischer Organisationen.


Und dann ist da der Antisemitismus.

Die Meldestelle RIAS hat für 2025 bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle dokumentiert, im Schnitt 24 pro Tag und mehr als dreimal so viele wie 2022. Auch 2026 ist das Meldeaufkommen laut RIAS unverändert hoch. Es ist unfassbar, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland, mehr als 80 Jahre nach der Shoah, bestimmte Orte meiden müssen, weil sie sich nicht sicher fühlen.


Ich runzle die Stirn angesichts von Teilen der queeren Szene, die sich an solchen Protesten beteiligen und sich teilweise hasserfüllt-antisemitisch äußern. Kaum einer von den Beteiligten war jemals vor Ort und weiß, wie die Gegebenheiten dort sind und wie ihre eigene Lebenshaltung dort gesehen wird.


Die große Politik

Ich blicke auf die USA. Kurz vor den Zwischenwahlen am 3. November hat Präsident Trump einen Diesel-Deal mit Russland verkündet. Es geht um isgesamt 4, 5 Millionen Tonnen Begründet wird der Schritt mit niedrigeren Preisen für die Amerikaner.

Ich frage mich, wie das zu den Sanktionen passt, die erst im September per Gesetz unterschrieben wurden, und ob sich keiner fragt, ob ein solcher Handel diesen Krieg nicht verlängert.


Und dieser Krieg fordert einen furchtbaren Preis. Nach ukrainischen Angaben hat Russland bisher rund 1,55 Millionen Soldaten verloren: tot, verwundet, vermisst oder gefangen. In den ersten zehn Oktobertagen waren es im Schnitt etwa 1.700 am Tag. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch mit einer Familie.


Dazu kommen der Krieg zwischen den USA und Iran, der nun im achten Monat ist, ohne dass ein Durchbruch in Sicht wäre.


Der Sudan

Ich schaue nach Afrika und sehe den Sudan. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR hat der Krieg dort die weltweit größte Vertreibungskrise ausgelöst. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind vertrieben, ein Viertel der Bevölkerung ist auf der Flucht. Laut UN Women hat sich die Zahl der Frauen und Mädchen, die nach sexueller Gewalt Hilfe brauchen, seit Kriegsbeginn vervierfacht. Wo ist die Aufmerksamkeit für diese Krise? Mir scheint, dass sie in unserem Alltag kaum vorkommt.


Die Ungeborenen

Und ich denke an die Ungeborenen. Ich kann nicht verstehen, wie man einerseits gegen die Todesstrafe sein kann, zugleich aber kein Problem damit hat, kleine Menschen im Mutterleib auf grausame Art und Weise zu töten.

Großbritannien beispielsweise hat im April 2026 Frauen straffrei gestellt, die ihre Schwangerschaft selbst beenden, und zwar in jedem Stadium.


Die Kirche

Ich schaue auf die Kirche und sehe den verzweifelten Versuch vieler Christen, etwas Substanzielles von Gott zu erfassen. Ich sehe den Hunger, beobacht jedoch zugleich, dass nicht zuerst in der Vertiefung der persönlichen Gottesbeziehung nach Stillung gesucht wird, sondern in der Hoffnung, Gottes Berührung in immer neu auftauchenden geistlichen Hypes und Trends zu finden. Ich verstehe nicht, dass Lovebombing, selbstbewusstes Auftreten, Lautstärke und die Verheißung einer elitären Zugehörigkeit noch immer funktionieren, um eine Bewegung zu schaffen - oder eine Sekte.


Der Gedanke vom besseren Menschen

Dann denke ich an einen ehemaligen Arbeitskollegen. Er sagte mir einmal, der Mensch sei noch nicht am Ende seiner evolutionären Entwicklung angekommen. Eines Tages, so seine Hoffnung, würden wir uns zu einem Wesen entwickelt haben, das so weit über unser heutiges Wesen hinausgewachsen ist, dass wir keine Kriege mehr führen und das Böse hinter uns gelassen haben.


Ich habe diesen Gedanken nicht vergessen. Aber wenn ich auf die Geschichte der Menschheit blicke, fällt es mir schwer, diese Zuversicht zu teilen.

Wir haben gewaltige wissenschaftliche und technische Fortschritte gemacht, unser Wissen vervielfacht und Möglichkeiten erschlossen, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten. Doch hat sich damit auch unser Wesen grundlegend verändert? Haben Machtgier, Gewalt, Hass und die Bereitschaft, andere Menschen den eigenen Interessen zu opfern, tatsächlich abgenommen? Die gegenwärtige Weltlage gibt mir wenig Anlass, an eine zwangsläufige moralische Höherentwicklung der Menschheit zu glauben.


Was tue ich als Christ damit?

Lasse ich mich in eine neue „No-future“-Stimmung bringen, die ich aus der frühen Punkbewegung noch gut kenne? Werde ich zornig, fange an, rhetorisch um mich zu schlagen und in einen Wortkampf gegen Menschen zu ziehen? Was mache ich mit meinen Emotionen, den unbegreiflichen Entwicklungen und meiner persönlichen Verantwortung?

Ich finde, das sind keine einfachen Fragen. Doch es gibt Antworten.

Als erstes denke ich an Jesu Worte aus Lukas 21. Dort beschreibt er Zustände, die ähnlich bedrohlich sind wie die, von denen hier die Rede ist: Den Völkern wird bange, und Menschen vergehen vor Furcht. Erstaunlich ist sein Rat dazu:


„Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28, Lutherbibel 2017)

Was in manchen Ohren wie eine religiöse Vertröstung oder wie ein Aufruf zur Verdrängung klingt, ist bei Licht – und im Zusammenhang mit anderen Aussagen Jesu – die weiseste Empfehlung für uns. Ja, es gab und gibt immer wieder Zustände und Entwicklungen, die furchtbar sind. Aber es gilt dann jeweils, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern ihn zu heben und daran zu denken: Gott ist da, und unsere Hilfe kommt von ihm.


Die Seligpreisungen

Erhobenen Hauptes durch die aktuellen Herausforderungen zu gehen bedeutet aber auch, zu wissen, wie wir uns als Christen inmitten von alldem konkret verhalten können. Zum Glück finde ich auch das in den Worten der Bibel, nämlich in der Bergpredigt, genauer gesagt in den Seligpreisungen (Matthäus 5,3–10). Dort lese ich, dass ich zwar nicht die ganze Welt verändern, aber meine persönliche Umgebung sehr wohl prägen kann: indem ich ein Friedenstifter bin, ein Barmherziger, ein Sanftmütiger.


Jesus beschreibt dort acht Haltungen:


  • Mit leeren Händen vor Gott stehen. Ich gebe zu, dass ich ihn brauche, gerade jetzt, wo ich keine Lösungen habe.

  • Leid tragen. Ich verdränge die Not nicht, sondern lasse sie an mich heran und bringe sie vor Gott.

  • Sanftmütig sein. Ich stecke meine Kraft nicht in Härte und Gegenschlag.

  • Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Mir geht es um Gottes Maßstab, nicht um mein Rechthaben.

  • Barmherzig sein. Ich übe Erbarmen mit denen, die es nötig haben, und das beginnt vor meiner Haustür.

  • Reinen Herzens sein. Ich bleibe ungeteilt und ehrlich vor Gott, ohne doppeltes Spiel.

  • Frieden stiften. Ich suche aktiv den Ausgleich, wo andere Gräben aufreißen, in meiner Familie, meiner Gemeinde und meiner Nachbarschaft.

  • Nachteile tragen. Ich bin bereit, Anfeindung auszuhalten, wenn ich um der Gerechtigkeit und um Jesu willen angegriffen werde.


Zum Schluss

Es geht mir angesichts der aktuellen Nachrichten aus dem In- und Ausland nicht gut. Aber ich versuche, mich aufzuraffen, meinen Kopf nicht hängen zu lassen und stattdessen auf Gott zu schauen und in meinem kleinen Einflussbereich das zu tun, was die Seligpreisungen beschreiben.


Ich kann den Krieg in der Ukraine nicht beenden und den Sudan nicht retten. Aber ich kann entscheiden, wer ich in dieser Zeit sein will: einer, der Frieden stiftet, wo Gräben aufreißen. Einer, der Erbarmen übt, wo es nötig ist. Einer, der den Kopf nicht hängen lässt, weil er weiß, wem er gehört – auch wenn mir das Herz schwer ist.


Ich lade dich ein, dasselbe zu entscheiden. Nicht irgendwann, sondern heute.


Alles Liebe. Rainer

 
 
 

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