Da draußen ist mehr
- Rainer Harter

- vor 2 Tagen
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Neulich hatte ich einen Termin bei einem Arzt.
Ich war ein paar Minuten eher da und stand am Empfang, als neben mir die Türe zu einem der Behandlungsräume aufging und ein Mann heraustrat.
Ich erkannte ihn sofort, obwohl ich ihn seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Ich ging auf ihn zu und unterhielt mich eine Weile mit ihm.
Als wir jung waren, gehörten wir zur selben Clique und verbrachten viel Zeit miteinander. Dann trennten sich unsere Wege – nicht im Streit, sondern weil unsere Interessen und Lebenskonzepte sich unterschiedlich entwickelten.
Der Lebensabschnitt zwischen sechzehn und fünfundzwanzig Jahren war einer der intensivsten in meinem Leben. Im Rückblick erscheint er mir wie eine einzige Entdeckungsreise. Eine scheinbar unendliche Zukunft lag vor mir, und es gab so vieles zu entdecken. Gefühlt öffnete sich jeden Tag eine neue Welt.
Diese Phase – die späte Jugend und die frühen Zwanziger – nennt die moderne Psychologie „Emerging Adulthood”, das aufkeimende Erwachsensein. Der Mensch wird durch Erfahrungen geprägt, geformt und gefestigt wie später nie mehr. Es ist eine Phase großer Leidenschaften, hoher Intensität und durchaus auch großer Dummheiten.
Die Menschen, mit denen ich in dieser Zeit viele gemeinsame Erfahrungen gemacht habe, habe ich nie vergessen. Die Erinnerungsforschung hat auch dafür einen Namen: den Reminiszenzeffekt:
Was wir zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig erleben, brennt sich tiefer ein als fast alles, was danach kommt – weil in diesen Jahren so vieles zum ersten Mal geschieht und das Gehirn jedes neue Erlebnis mit besonderer Intensität abspeichert.
Immer wieder einmal tauchen die Menschen aus dieser Zeit in meinem Kopf auf, und ich frage mich dann, was wohl aus ihnen geworden und wie ihr Leben verlaufen ist. Manchmal erfahre ich ganz zufällig etwas über einen von ihnen, doch die meisten sind aus meinem Umfeld verschwunden, obwohl sie vielleicht nur ein paar Kilometer entfernt von mir wohnen.
Manchmal sehne ich mich nach der Intensität dieser Jahre. Aber der nostalgische Blick zurück führt nirgendwo hin. Es gilt, im Jetzt zu leben.
Ich habe es immer bedauert, wenn ich ältere Menschen gesehen habe, für die „früher alles besser war”. Manche von ihnen lebten in einer beständigen inneren Trauer über die Vergänglichkeit des Lebens und füllten die verbleibende Zeit mit Beschäftigungen, die eine Freude am Jetzt eher zudeckten als förderten.
So möchte ich nicht leben.
Auch wenn ich weiß, dass Zeiten kommen, in denen sich mein Lebensradius verkleinern wird, möchte ich doch stets ein Entdecker bleiben. Vielleicht werden die Entdeckungen kleiner als damals und können der überbordenden Erfahrung der ersten großen Liebe, des ersten Verlusts, des Ausbildungsbeginns oder des Auszugs aus dem elterlichen Zuhause emotional nicht entsprechen.
Aber ich muss nur die Sinne geöffnet lassen, dann entdecke ich ständig Neues. Ich möchte mich nicht in dem dauerhaft einrichten, was ich erfahren habe und was ich heute bin.
Der Kirchenvater Gregor von Nyssa hat auch das Leben mit Gott als ein nie endendes Sich-Weiter-Strecken beschrieben: von Anfängen zu Anfängen, immer tiefer hinein, immer mehr. Epektasis nannte er das.
Nichts an Gott ist je zu Ende erkundet; wer ihn sucht, stößt nur auf neue Weite. Vielleicht ist das der tiefste Grund, warum der Entdecker in mir nicht sterben will. Da draußen ist noch mehr. Und in Gott erst recht.
Mit meinem alten Freund bin ich so verblieben, dass wir uns demnächst einmal wieder treffen. Ich bin gespannt auf seine Lebensgeschichte.
Alles Liebe. Rainer



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