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Wenn wir hässlich sind

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Momente, den ich nur ungern beschreibe, weil sie so schlecht zu dem passen, was ich gern von mir halte.


Ich habe etwas gesagt – spitz, treffsicher, verletzend –, und für einen Herzschlag lang war da sogar eine kleine Genugtuung. Danach kommt die Scham.







In solchen Momenten habe ich in einen Abgrund geschaut, der in mir liegt. Er gehört nicht zu einem anderen Menschen, sondern zu mir.

Als Christen sprechen wir viel über das Gute, das Gott in uns wirkt. Seltener reden wir darüber, dass auch wir, die wir zu Christus gehören, manchmal richtig hässlich sein können. Nicht im Gesicht, sondern in dem, was aus uns herauskommt, wenn wir überfordert, gekränkt oder einfach müde sind. Wir setzen jemanden herab. Wir sind ungerecht. Wir gönnen dem anderen sein Glück nicht, und wir ertappen uns dabei, wie wir ihm insgeheim etwas Schlechtes wünschen.


Dann stehen wir vor uns selbst und erschrecken.

Die erste Reaktion bei vielen ist oft, dass sie sich innerlich geißeln. Als könnten wir die Hässlichkeit ungeschehen machen, wenn wir uns nur hart genug dafür verurteilen.


Die Selbstkasteiung aber, so fromm sie sich anfühlt, dreht sich am Ende nur wieder um uns selbst. Wir werden wieder zum Mittelpunkt – jetzt in der Rolle des Sünders statt als Heiliger, aber immer noch als Mittelpunkt.


Selbstverurteilung ist keine Demut. Sie ist oft nur der Stolz, der sich weigert, Gnade anzunehmen.

Henri Nouwen nannte die Selbstablehnung den größten Feind des geistlichen Lebens. Die eigentliche Gefahr liegt nicht darin, ehrlich zuzugeben, dass ich Schuld auf mich geladen habe, sondern in der Stimme, die daraus macht: ‚Also bist du nichts wert.‘ Sie übertönt die andere Stimme, die sagt: ‚Du bist mein geliebtes Kind.‘


Auch Paulus kannte Abgründe. Er schreibt, dass er das Gute, das er will, nicht tut, und das Böse, das er nicht will, genau das tut (Römer 7). Aber er bleibt nicht in der Verzweiflung stehen. Er ruft nicht: „Ich muss mich bessern!“, sondern: „Wer wird mich erlösen?“ Die Bewegung führt nicht von der Hässlichkeit zur Selbstoptimierung, sondern von der Hässlichkeit zu Christus.

Mich tröstet, wie behutsam die Bibel von diesen Momenten erzählt.

Jona etwa sitzt am Ende seiner Geschichte grollend vor der Stadt. Er ist beleidigt, dass Gott barmherzig war, und wünscht sich fast den Tod. Und Gott? Er donnert nicht. Er stellt eine Frage: „Ist es recht, dass du so zürnst?“ Eine Frage, die nicht verurteilt, sondern öffnet. Oder der ältere Bruder im Gleichnis vom Verlorenen Sohn: Er steht draußen, zornig, voller Missgunst gegen den heimgekehrten Jüngeren, und will nicht hineingehen. Da geht der Vater heraus – zu ihm, dem Verbitterten – und bittet ihn (Lukas 15). Gott begegnet unserer Hässlichkeit nicht mit Hässlichkeit. Er begegnet ihr mit einer Frage und mit einer offenen Tür.


Diese Türe führt auf den Weg der Veränderung. Nicht die Kraft meiner Reue und nicht die Härte meiner Anklage gegen mich selbst. Es ist das Licht, das hinter der Türe auf uns wartet. Solange wir das Hässliche verstecken, behält es seine Macht. In dem Augenblick, in dem wir es aus der Deckung holen und Gott hinhalten, verliert es seinen Griff.


„Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht“, schreibt Johannes (1. Johannes 1,9). Bekennen heißt nicht: sich zerfleischen. Es heißt: etwas ans Licht bringen, das im Dunkeln gewuchert ist. Und Licht heilt – anders als Strafe. Paulus nennt es die göttliche Traurigkeit, die zum Leben führt – im Unterschied zur Traurigkeit der Welt, die nur den Tod bringt (2. Korinther 7,10).


Und noch etwas hilft. Unsere hässlichen Momente treffen selten Fremde – am härtesten treffen sie die, die uns am nächsten stehen: in der Ehe, in der Familie, unter Freunden.


Umso mehr brauchen wir daneben einen anderen Menschen: einen, dem wir das Hässliche nicht antun, sondern zeigen dürfen.

Jemanden, vor dem wir es aussprechen können, ohne dass er erschrickt. „Bekennt einander eure Sünden, damit ihr geheilt werdet“, schreibt Jakobus (Jak 5,16). Nicht damit wir überführt werden – damit wir heil werden. Wer einen solchen Menschen hat, ist reich.


Ich lerne langsam, über die Abgründe in mir nicht mehr so erschrocken zu sein, dass ich mich vor ihnen verstecke. Ich werde sie vielleicht nie ganz überwinden, aber sie definieren mich auch nicht.


Wenn ich das hässliche Gesicht in mir sehe, versuche ich, mich nicht länger dafür zu strafen und auch nicht wegzuschauen, sondern mich umzudrehen: zu dem, der längst alles gesehen hat und mich trotzdem liebt.


Das ist der Anfang der Verwandlung: dass Gnade ausgerechnet dorthin reicht, wo ich mich am meisten geschämt habe.


Alles Liebe. Rainer

 
 
 

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