Und meine Beerdigung?
- Rainer Harter

- vor 9 Stunden
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Vor Kurzem ist eine Freundin gestorben - ganz plötzlich, durch einen Unfall, mitten aus dem Leben heraus.
Am vergangenen Freitag fand die Beerdigung statt, und es kamen mehrere hundert Menschen, um in der Kirche von ihr Abschied zu nehmen. Viele mussten stehen, so groß war die Trauergemeinde.
Beerdigungen sind für mich merkwürdige Erlebnisse, weil in mir zwei Dinge nebeneinander liegen, die eigentlich nicht zusammenpassen wollen – und die doch beide wahr sind.
Wir Christen haben die Zuversicht, dass der gläubige Mensch, von dem wir Abschied nehmen, jetzt bei Gott ist. An einem Ort, wo es nach den Worten der Bibel keine Tränen mehr gibt und kein Leid.
Unsere Freundin ist jetzt durch die Tür getreten, die Jesus Christus heißt – hinaus aus dieser Welt und hinein in die Gegenwart Gottes. Das ist ein Grund zur Freude, und ihre Tränen sind nun für immer getrocknet.
Und trotzdem reißt der Tod eines geliebten Menschen auf dieser Seite des Lebens ein großes Loch.
Er hinterlässt eine Leerstelle, die niemand füllen kann. Ihre Tränen sind jetzt getrocknet – die der Zurückgebliebenen aber werden zunächst noch zunehmen und wohl noch eine ganze Weile fließen. Dafür muss sich jedoch niemand schämen, auch wenn er an die Auferstehung glaubt.
Selbst Jesus hat getrauert, obwohl er die Auferstehung in Person ist.
Am Grab seines Freundes Lazarus hat Jesus geweint, obwohl er wusste, dass er ihn gleich zurück ins Leben rufen würde. Er hätte allen Grund gehabt, einfach nur zu lächeln, und doch standen ihm die Tränen in den Augen. Offenbar hat beides seinen Platz – mehr noch: beides gehört zusammen. Die Trauer um den, der uns fehlt, und die Freude für ihn, der nun angekommen ist.
Dieses Nebeneinander von Trauer und Freude erleben wir alle, immer wieder – bis zu dem Tag, an dem wir dann selbst vor der letzten Tür stehen.
Als ich die Trauerfeier beobachtete, habe ich mich gefragt, wie es denn einmal bei meiner eigenen Beerdigung sein soll:
Müssen es getragene Lieder sein, die vorgetragen werden? Denke ich an eine Gruppe schwarz gekleideter Menschen , die sich nur flüsternd begrüßen? Wie finden Trauer, Trost und Freude ihren Platz, wenn man sich versammelt, um mich zu verabschieden?
Ich stelle mir vor, dass es dann einen Moment gibt, in dem der Trauer Raum gegeben wird, dass der größere Teil aber darin besteht, Gott anzubeten und sich zu freuen. Ich möchte nicht, dass die Trauer durch schwere Musik noch tiefer gemacht wird; viel schöner finde ich den Gedanken, dass Gott für mein reiches Leben gedankt wird.
Zugleich merke ich, während ich das denke, dass ich die Planung gar nicht zu fest in der Hand halten darf.
Denn wenn dieser Tag kommt, bin ich ja schon gegangen – die Feier findet ohne mich statt. Sie gehört nicht mehr mir, sondern denen, die zurückbleiben. Sie sind es, die Abschied nehmen müssen, während ich schon durch die Tür getreten bin. Wie ein guter Freund es formulierte, mit dem ich mich über die Feier ausgetauscht habe: Beerdigungen sind für die Trauergemeinde da, und nicht für den Verstorbenen.
Ich denke, es ist gut, sich Gedanken zu machen und die eigenen Wünsche auszusprechen. Aber ich muss Raum für die Vorstellungen und Bedürfnisse der Zurückbleibenden lassen. Sie sollen die Feier so gestalten können, wie sie sie brauchen, um trauern und loslassen zu können.
Und doch wünsche ich mir, dass neben der Trauer auch die Freude einen Platz bekommt.
Sich bei einer Beerdigung zu freuen, mag seltsam klingen, und doch gibt es so viele Gründe dafür. Neben allem Leid gab und gibt es in meinem Leben so viel zu lachen: lustige Situationen, Anekdoten, Versprecher und Fettnäpfchen, an die man sich noch einmal gemeinsam erinnern darf. Auch das Lachen über die Schrulligkeiten eines geliebten Menschen kann ein Ausdruck davon sein, dass man ihn nicht vergessen hat, sondern sich liebevoll erinnert.
Natürlich wäre es zu wenig, wenn die Menschen nur wegen der schönen Erinnerungen lächeln würden. Ein Lächeln, das sich allein aus Anekdoten speist, hält nicht lange – spätestens auf dem Heimweg, wenn es still wird im Auto, holt die Leere es wieder ein. Das Lächeln, das ich mir wünsche, sitzt tiefer.
Es wäre schön, wenn die Menschen nach meiner Beerdigung das Lächeln mit nach Hause nehmen könnten. Nicht, weil sie der Abschied nichts kosten darf, und nicht, weil die Geschichten so lustig waren, sondern weil unter aller Trauer eine Hoffnung liegt, die trägt: Wir sehen diesen Menschen wieder.
Vielleicht hast du dir über all das noch nie Gedanken gemacht. Man denkt ja nicht gern an die eigene Beerdigung – und doch wird sie kommen. Wie stellst du sie dir vor? Hast du schon einmal überlegt, wie sich die Menschen dann fühlen sollen und was du ihnen mitgeben möchtest?
Ich wünsche mir, dass sie weinen dürfen und dass sie lachen. Und dass sie nach Hause gehen mit dem leisen Wissen, dass die Tür, durch die ich einmal gehen werde, auch für sie offensteht.
Alles Liebe. Rainer



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