In welcher Blase lebe ich?
- Rainer Harter

- vor 11 Minuten
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Es ist Sonntagabend. Nach einer abenteuerlichen Reise mit der Deutschen Bahn sind wir endlich wieder Zuhause angekommen.
Müde, aber auch zufrieden.
Meine Frau und ich waren zur Geburtstagsfeier eines guten Freundes nach Hannover gefahren und feierten dort im Kreis seiner Kollegen, Nachbarn und weiterer Freunde.
Als Geschenk für ihn hatte ich mich bereit erklärt, die Cocktailbar zu besetzen.
Das war eine gute Position, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die ich vorher nicht kannte. Im Nachhinein fiel mir wieder einmal auf, dass wir alle in unseren mehr oder weniger kleinen Lebensblasen leben.
Unser Horizont ist begrenzt, unsere Welt recht klein.
In den vergangenen Jahrzehnten ist es en vogue geworden, anderen vorzuwerfen, sie würden in ihrer Blase leben. Der Begriff der Blase ist so negativ besetzt, dass die meisten von uns sich auf keinen Fall vorwerfen lassen wollen, sie würden in einer Blase leben.
Doch wir alle leben in Blasen.
Ich auch. Unsere Familie ist eine Blase. Unser engster Freundeskreis, mit denen wir die dieselben Geschichten teilen, dieselben Namen kennen, dieselben Abkürzungen. Man muss sich dort nicht erklären. Das ist schön. Und es ist eine Blase.
Um es rundheraus zu sagen: Ich mag meine Blase sehr.
In ihr fühle ich mich geborgen. Sie gibt mir Grenzen und damit auch Sicherheit. Durch ihre transparenten Wände schaue ich auf die Welt und sehe viele, viele andere Blasen. Manche sind mir völlig fremd und ich bin froh, dass ihr Inhalt nicht einfach in meine Blase hineindringen kann. In anderen entdecke ich etwas, das mein Leben bereichern kann und dann öffne ich die Membran meiner Blase und lasse etwas vom Duft der andere Blase zu mir hinein.
Viele von uns denken, Blasen seien ein Problem unserer Zeit. Social Media, Algorithmen, Filterblasen. Aber die Wissenschaft erzählt eine viel ältere Geschichte. Der Oxforder Anthropologe Robin Dunbar hat beispielsweise herausgefunden, dass unser Gehirn nur zu einer begrenzten Zahl stabiler Beziehungen fähig ist — grob geschätzt sind das etwa hundertfünfzig Menschen. Darüber hinaus wird es eng. Und Soziologen beschreiben seit Langem, was sie Homophilie nennen: Gleich und gleich gesellt sich gern. Wir suchen die Nähe derer, die uns ähnlich sind.
Die Blase ist nicht per se etwas negatives.
Sie ist die Form, die unser endliches Herz braucht. Ich kann nicht allen ein guter Freund sein, also versuche ich es zumindest für einige zu sein. Ich kann nicht überall zu Hause sein, also bin ich irgendwo zu Hause. Eine Blase ist erst einmal ein Zuhause.
Aber: Es gibt auch eine Form von Blase, die tatsächlich negativ ist. Eine Blase kann nämlich zweierlei sein. Ein Zuhause mit Türen. Oder ein Gefängnis mit Wänden. Der Unterschied ist nicht die Größe. Der Unterschied ist, ob etwas hinein- und hinauskann.
Hier spricht die Bibel wieder einmal überraschend. Denn wenn ich frage, wie Gott über Blasen denkt, dann lese ich nicht zuerst die Aufforderung, meine zu verlassen. Ich lese, dass Gott seine verlassen hat.
»Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns« (Johannes 1,14).
Das ist der radikalste Blasenwechsel der Geschichte. Gott bleibt nicht im Himmel und ruft uns hinauf. Er kommt herunter, in unsere kleine, erleuchtete, begrenzte Welt, und setzt sich an unseren Tisch.
Und dann tut er etwas Erstaunliches mit denen, die er erreicht hat: Er schickt sie über die Grenzen ihrer Blasen hinaus: Petrus, der fromme Jude, dem alles Unreine ein Gräuel war, bekommt eine Vision — ein Tuch voller Tiere, die er nie anrühren würde — und eine Stimme sagt: »Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein« (Apg 10,15). Kurz darauf steht Petrus im Haus eines Römers, eines Menschen, den seine Blase ihm ein Leben lang als »die anderen« verkauft hatte. Und er sagt einen Satz, der aufgeht wie ein Fenster: »Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht« (Apg 10,34).
Ich glaube nicht, dass Gott will, dass wir heimatlos werden.
Auch Jesus hatte seinen Kreis, seine Zwölf, seinen Rückzugsort am See. Es geht nicht darum, keine Blase zu haben. Es geht darum, dass sie eine Tür bekommt. Dass ab und zu jemand hereinkommt, der nicht dazugehört. Und dass ich ab und zu hinausgehe, dorthin, wo ich mich nicht auskenne.
Ich möchte mich fragen, wer die Menschen sind, die knapp oder auch weit außerhalb meiner Blase stehen. Etwa der Mensch mit der anderen Meinung, den ich innerlich abgehakt habe oder der Fremde, der mich verunsichert. Ich muss sie nicht alle hereinholen. Aber ich kann eine Tür offenlassen. Ich kann über meinen Rand hinaussehen.
Gott hat mich nicht erreicht, indem er wartete, bis ich aus meiner Blase komme.
Er kam in sie hinein. Also will ich meine nicht verteidigen, sondern dafür sorgen, dass sie immer wieder gelüftet wird. Dass ihre Fenster und Türen nicht vernagelt sind.
Alles Liebe. Rainer



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