top of page

Gebrochene Helden

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Themen, über die wir in christlichen Kreisen erstaunlich wenig sprechen, obwohl sie mitten unter uns sind.


Scheitern gehört dazu. Krankheit. Zerbruch. Traumata. Unerhörte Gebete. Die langen inneren Wüstenzeiten, in denen Gott fern erscheint.


Manchmal habe ich den Eindruck, wir hätten das Evangelium unmerklich zu einer Botschaft für die Erfolgreichen gemacht.



Für diejenigen, deren Leben sichtbar gelingt und die uns deshalb als Massstab vorgestellt werden. Für Menschen, die gesund, stabil, kraftvoll und siegreich wirken.


Doch was ist mit all den anderen?


Was ist mit denen, die trotz Gebet nicht gesund werden? Mit Menschen, deren Seele Narben trägt? Mit denen, deren Ehe zerbrochen ist, deren Glauben erschüttert wurde oder deren Leben nicht der geraden Linie folgt, die wir so gerne erzählen? Sind das alles Loser?


Ich glaube, wir brauchen dringend einen neuen Blick auf Zerbrochenheit.


Die Bibel ist voller gebrochener Helden.


Jakob war ein Betrüger. Mose ein Totschläger. David Ehebrecher und Mörder. Petrus versagte im entscheidenden Moment. Thomas wurde zum Sinnbild des Zweiflers. Und doch baut Gott mit genau solchen Menschen sein Reich.


Das tröstet mich.


Denn es bedeutet, dass Gott nicht erst dann mit uns arbeiten kann, wenn wir innerlich makellos geworden sind.


An dieser Stelle liegt ein großes Missverständnis unserer Zeit. Wir stehen unter einem enormen Druck, unser Leben erfolgreich gestalten zu müssen. Nicht nur beruflich oder gesellschaftlich, sondern oft auch geistlich. Insgeheim lautet die Formel:


Wenn du nur richtig glaubst, richtig betest und richtig lebst, dann wird alles gut.


Doch dieses Denken hält weder der Wirklichkeit unseres Lebens noch der biblischen Lehre stand.


Niemand ist in dieser gefallenen Welt vollkommen vor Leid geschützt. Auch Christen nicht.


Das Schwierige an der Botschaft vom Gelingenden Leben ist: Ein solches Denken macht Leid oft noch schwerer. Denn plötzlich trägt der leidende Mensch nicht nur seine Krankheit oder seinen Schmerz, sondern zusätzlich noch die unterschwellige Botschaft:


Vielleicht stimmt mit meinem Glauben etwas nicht.


Darin liegt etwas Grausames.


Die Bibel spricht ehrlich über das Leben mit seinen Wunden und Narben.


Jeremia verzweifelte beinahe an seinem Leid. Asaf rang damit, dass es den Gottlosen scheinbar besser ging als ihm. Paulus kannte Angst, Schwäche, Mangel und Verzweiflung. Und selbst Jesus schrie am Kreuz:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“


Die Schrift verschweigt das Leiden nicht. Sie zeigt uns, dass Leid nicht automatisch bedeutet, dass Gott uns verlassen hat.


Einer der wichtigsten Grundgedanken der Bibel lautet:

Gottes Gegenwart ist wichtiger als die sofortige Veränderung unserer Situation.


Natürlich beten wir für Heilung. Natürlich glauben wir, dass Gott Wunder tut. Aber wir dürfen daraus kein erbarmungsloses System machen, in dem der Nicht-Geheilte sich zusätzlich schuldig fühlen muss.


Denn dann wird aus dem Evangelium ein Leistungsdruck.


Besonders bewegt mich dabei der Gedanke, dass unser Leben aus Fragmenten besteht. Bei niemandem gibt es die perfekte Linie. Das Tal der Todesschatten aus Psalm 23 gehört zur Realität unseres Lebens. Wir erleben Siege und Niederlagen. Zeiten großer Nähe Gottes und Zeiten innerer Dunkelheit. Manche Wunden heilen. Andere hinterlassen Narben - und diese Narben schmerzen ab und zu.


Doch selbst aus dem Schmerz und der Verletzung kann Gott etwas Schönes entstehen lassen.


In der Traumaforschung spricht man heute von „posttraumatischem Wachstum“. Menschen werden durch schwere Krisen oft mitfühlender, tiefer, reifer und geistlich offener. Das Leid war nicht gut. Aber Gott kann Gutes daraus hervorbringen.


Josef sagte rückblickend zu seinen Brüdern:


„Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen.“

Ich liebe in diesem Zusammenhang einen Gedanken von Hildegard von Bingen. Sie war überzeugt, dass Wunden in Perlen verwandelt werden können. Das ist ein starkes Bild.


Eine Perle entsteht nicht trotz der Verletzung der Muschel, sondern gerade durch sie.


Vielleicht tragen manche Menschen deshalb eine besondere Schönheit in sich, weil sie gelitten haben.


Vielleicht wohnt in zerbrochenen Menschen manchmal mehr Sanftmut, mehr Tiefe und mehr von Gottes Gegenwart als in manchem perfekten Auftreten.


Die Frage, warum ein liebender Gott Leid zulässt, bleibt meist unbeantwortet. Aber eines steht fest: er lässt uns darin nicht allein.


Der Autor Charles Colson formulierte es einmal so:


„Gott verspricht uns nicht, uns aus dem Feuer zu holen, sondern er verspricht uns, zusammen mit uns durch das Feuer zu gehen.“

Unsere Gemeinden sollten Orte sein, an denen auch Zerbrochene Raum haben. Orte, an denen Menschen nicht erst stark wirken müssen, bevor sie dazugehören dürfen.


Denn die Bibel sagt nicht:


„Der Herr ist nahe den Erfolgreichen.“


Sie sagt:


„Der HERR ist nahe den zerbrochenen Herzen und hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind.“ Psalm 34,19.

Alles Liebe. Rainer


PS: Ich empfehle dir zu diesem Thema meine Lehrserie „Scars & Bruises“ auf rainerharter.com

 
 
 

Kommentare


bottom of page