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Die Kunst, Wurzeln zu lösen

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • vor 12 Minuten
  • 2 Min. Lesezeit

Vor einigen Tagen habe ich meine kleinen Tomatensetzlinge umgetopft, die ich aus Samen vom vergangenen Jahr gezogen habe.


Es war eine unscheinbare Tätigkeit. Erde, Wasser, ein paar Handgriffe. Nichts Besonderes. Und doch wurde daraus ein Moment, der mich nicht mehr loslässt.






Als ich die ersten Pflänzchen vorsichtig aus ihrer Schale löste, sah ich das, was im Verborgenen gewachsen war: Ein feines, dichtes Geflecht aus Wurzeln. Weiß, zart, erstaunlich lang. Viel größer, als ich es erwartet hätte.


Was im Sichtbaren das Auge mit seinem zarten Grün und der Verheißung auf saftige Sommerfrüchte erfreut, hat ein Gegenüber im Unsichtbaren, ohne das es nicht existieren könnte. Die Verankerung im Boden der kleinen Pflanzschalen musste vorsichtig gelöst werden, ein ruckartiges Ziehen hätte die junge Pflanze massiv beschädigt.



Ich musste innehalten. Denn genau so fühlt es sich gerade in mir an.


Nach einem Vierteljahrhundert löse ich mich Schritt für Schritt aus der Leitung des Gebetshauses. Schon immer war mir wichtig, junge Leiter an meiner Seite zu haben und auch, mich rechtzeitig aus der Leitungsverantwortung zurückzuziehen, um der nächsten Generation von Leitern den nötigen Raum zu geben, sich investieren und bewähren zu können.



Äußerlich ist das ein Prozess, den man planen, strukturieren und kommunizieren kann. Gespräche, Übergaben, Entscheidungen.


All das hat seine Ordnung. Diese Schritte gehen wir als Leitungsteam bereits seit vielen Monaten: Behutsam, betend, im Gespräch. Seit Januar 26 sind wir nun auf einem Weg, an dessen Ende ich nicht mehr Teil der Leitung des Gebetshauses sein werde. Wir eilen jedoch nicht. Wir denken an Juni 27. Wir nehmen uns Zeit, um die Wurzeln sanft zu lösen, damit die Pflanze in ein anderes Gefäß umgetopft werden kann, ohne Schaden zu erleiden.



Diese Wurzeln sind über viele Jahre gewachsen.


Durch Zeiten der Dürre und durch Zeiten, in denen das Wachstum zu prallem Leben führte. Meine Wurzeln haben sich tief in Beziehungen, Verantwortung, Gebet und Geschichte hineingegraben.


Man sieht sie nicht auf den ersten Blick. Aber sie sind da. Man kann nicht einfach daran ziehen. Man darf nicht reißen. Wer es doch tut, zerstört mehr, als er löst.


Die kleinen Tomatenpflänzchen haben es mir vor Augen geführt. Ich musste sie behutsam aus der Erde heben, mit den Fingern die Erde lösen, die Wurzeln freilegen, ohne sie zu beschädigen. Jeder zu schnelle Griff hätte sie verletzen können.


So ist es auch mit meinem Ausstieg aus dem Leitungsteam: Es ist kein abrupter Akt. Es ist ein vorsichtiger Prozess. Ein Lösen und Freigeben. Ein Übergang, der Zeit braucht, damit das, was gewachsen ist, nicht verloren geht, sondern an einem neuen Ort weiterleben kann.



Wurzeln sind nicht das eigentliche Problem.


Sie sind ein Geschenk, denn sie tragen, was gewachsen ist. Sie zeigen, dass es Tiefe gibt und das Leben sich verankert hat.

Aber sie machen den Übergang empfindlich.

Meine Tomatenflänzchen haben mich darin bestätigt, dass unser Weg nicht darin besteht, mich innerlich abzuschneiden, sondern mich langsam lösen zu lassen. So, dass nichts zerreißt. So, dass das Leben, das gewachsen ist, nicht beschädigt wird.


Ich bin gespannt, wie der Prozess des Herauslösens weitergehen wird. Ich werde dich daran teilhaben lassen. Bis jetzt ist er nicht schmerzhaft. Das liegt am guten Miteinander im Gebetshaus, der beratenden Begleitung und vor allem daran, dass wir versuchen, nicht schneller oder langsamer zu sein, als es der größte Gärtner von allen ist.


Alles Liebe. Rainer

 
 
 

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