Das Leiden an der Einheit
- Rainer Harter

- vor 5 Stunden
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Über die Schönheit, die Spannung und die Grenzen ökumenischen Miteinanders
In den vergangenen Jahren habe ich viele Erfahrungen im ökumenischen Miteinander gemacht. Manche davon waren beglückend. Andere waren herausfordernd. Und wieder andere haben mich traurig zurückgelassen.
Ich bete mit Christen, die in manchen Fragen ganz anders denken als ich. Ich habe gleichzeitig erlebt, wie stark uns die gemeinsame Ausrichtung auf Jesus verbindet. Es gibt Momente, in denen diese Einheit fast greifbar wird. Wenn wir gemeinsam vor Gott stehen, verliert vieles von dem, was uns trennt, an Gewicht.
Und doch bleibt es nicht so einfach.
Denn - wie andere auch - möchte ich meinen theologischen Überzeugungen treu bleiben. Und diese Treue führt zwangsläufig dazu, dass ich nicht jede Entwicklung, nicht jede Lehre, nicht jede Gemeinschaft einfach gutheißen kann. Es gibt Überzeugungen, die für mich nicht verhandelbar sind. Gleichzeitig weiß ich, dass andere Christen aus ihrer Sicht mit derselben Ernsthaftigkeit zu anderen Schlüssen kommen.
An dieser Stelle beginnt die eigentliche Spannung.
Dann muss ich mich frage, wie ich fest bleiben kann, ohne hart oder sogar arrogant zu werden. Wie ich offen bleiben kann, ohne beliebig zu werden.
Wenn ich in das Neue Testament schaue, entdecke ich, dass diese Spannung nichts Neues ist. Die ersten Christen waren sich nicht in allem einig. In der Apostelgeschichte wird von intensiven Auseinandersetzungen berichtet. Im Galaterbrief widerspricht Paulus dem Petrus öffentlich. Und doch bleiben sie Teil derselben Bewegung Gottes.
Einheit bedeutete schon damals nicht, dass alle alles gleich sahen.
Einheit bedeutete, dass sie trotz ihrer Unterschiede an Christus festhielten.
Das Thema der christlichen Einheit beschäftigte viele der großen Kirchenväter und Theologen.
Augustinus von Hippo wird ein Satz zugeschrieben, den viele vin uns kennen: In den wesentlichen Dingen Einheit. In den zweifelhaften Dingen Freiheit. In allem aber Liebe.
Martin Luther erinnert daran, dass Einheit ihren Wert verliert, wenn sie auf Kosten der Wahrheit geht. Sein Ringen zeigt, dass Gewissenstreue manchmal auch zu schmerzhaften Konsequenzen führt.
Laut Dietrich Bonhöffer entsteht Einheit nicht dadurch, dass wir sie herstellen, sondern sie ist in Christus bereits gegeben. Wir können sie nur bewahren oder verletzen.
Und dann sind da die Stimmen, die mich in den letzten Monaten besonders begleitet haben. Die sechs Autoren meiner Reihe über das Gebet.
Pete Greig hat mir bestätigt, welche Kraft im gemeinsamen Gebet liegt. Dort, wo Christen gemeinsam vor Gott kommen, entsteht oft eine Form von Einheit, die wir nicht organisieren können.
Timothy Keller erinnert daran, dass Zusammenarbeit möglich und wichtig ist, solange das Evangelium klar bleibt. Offenheit und Klarheit gehören für ihn zusammen.
Bernhard Meuser setzt sich für eine Form von Einheit ein, die bewusst den Blick auf Christus richtet. Eine Einheit, die nicht Unterschiede leugnet, aber das Gemeinsame sucht, wo es wirklich trägt.
Watchmen Nee sieht die Kirche als den einen Leib Christi an. Jede Form von geistlicher Überheblichkeit oder Abgrenzung wird dadurch infrage gestellt. Gleichzeitig warnt er davor, neue exklusive Kreise zu bilden, die sich selbst für besonders halten.
WIe Greid zeigt auch Andrew Murray, welche Kraft im gemeinsamen Gebet liegt. Wenn Christen übereinstimmend vor Gott treten, geschieht etwas, das über ihre Unterschiede hinausgeht.
Und für Romano Guardini schließlich ist Einheit keine Strategie, sondern eine Wirklichkeit, die in Christus begründet ist und in der wir leben dürfen.
Wenn ich all diese Stimmen zusammennehme, dann entsteht auch durch sie kein einfaches Rezept für Einheit. Aber es entsteht eine Richtung.
Einheit wächst nicht dadurch, dass wir alles klären.
Sie wächst dort, wo wir gemeinsam tiefer in Gott hineinfinden.
Und gleichzeitig bleibt es dabei, dass nicht alles beliebig ist. Es gibt Grenzen. Es gibt Punkte, an denen ich sagen muss: Hier kann ich nicht mitgehen. Und ich habe Respekt vor Geschwistern, die an anderen Stellen solche Grenzen ziehen.
Vielleicht sollten wir lernen, Spannungen nicht vorschnell aufzulösen.
Und uns zugleich darin üben, stehen bleiben, wo wir stehen bleiben müssen.
Aber uns auch nicht voneinander entfernen, wo wir es nicht müssen.
Ich beobachte viele Aussagen, gerade auf Social Media, die die Einheit unter Christen beschädigen. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich nicht wenige davon als Missverständnisse oder gar plumpe Unterstellungen. Mich erfüllt es mit der Furcht Gottes, wenn ich sehe, wie Christen mit Worten aufeinander einprügeln. Dann muss ich beispielsweise an die Ernsthaftigkeit von Mt 5,22 denken:
Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, dem Hohen Rat verfallen sein wird; wer aber sagt: Du Narr!, der Hölle des Feuers verfallen sein wird.
Und ich denke an das Ringen Jesu um Einheit, das wir in Joh.17 lesen können und so oft nicht ernst zu nehmen scheinen.
Ich bete weiter für Einheit. Ich versuche den Spagat zwischen Denominationen zu halten, die nicht oder kaum miteinander sprechen. Ich wünsche mir eine Einheit, die nicht billig ist.
Aber ich wünsche mir auch keine Abgrenzung, die sich selbst genügt.
Alles Liebe. Rainer



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