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Müde und voller Sehnsucht

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit

Die folgenden Zeilen sind sehr persönlich. Mit ihnen lasse ich dich in mein Herz schauen.












Zu schreiben ordnet meine Gedanken. Meine Überlegungen und Empfindungen, mein Nachspüren des noch Unfassbaren hilft mir dabei, dass mein Blick sich klärt.


Ich sitze auf unserer Terrasse und denke nach. Über mein bisheriges Leben und über das, was noch kommen mag.


Der Abend ist fortgeschritten, trotzdem ist es noch warm. Vereinzelt kann ich Amseln singen hören, in genau diesem Augenblick läuten die Kirchenglocken.


Jetzt bin ich ganz hier. Gerade habe ich ein Buch über Dag Aabye zu Ende gelesen – einen über achtzigjährigen Ultramarathonläufer und seine Suche nach seiner Herkunft. Ein Mensch, der noch unterwegs ist.


Nun denke ich nach.


Ich bin seit zweiundsechzig Jahren auf dieser Erde. Wenn ich zurückblicke, sehe ich eine Kindheit, die schwierig war, und eine Jugend, die chaotisch war. Als ich Anfang zwanzig Christ wurde, änderte sich alles. Mein Leben gewann eine Gestalt, zu der es ohne Gottes Liebe niemals gekommen wäre.


Heute bin ich eingebettet in eine stabile Familiengemeinschaft: Kinder, Enkel, Schwiegerkinder – und eine Frau, mit der ich seit fast vierzig Jahren durch dick und dünn gehe.


Und jetzt frage ich mich: Wie geht mein Leben weiter?


Da sind noch Träume. Ich bin gesund und voller Energie. Und doch spüre ich auch eine leichte Müdigkeit – die Art von Müdigkeit, die nicht von Schwäche kommt, sondern von einem langen, vollen Weg.


Gerade bin ich in einem Prozess, den ich als gut für mich empfinde und der den Weg für andere frei macht: Ich gebe die Leitung des Gebetshauses, das ich vor fünfundzwanzig Jahren gegründet habe, an fähige, jüngere Menschen ab.


Mit dieser Übergabe stellen sich neue Fragen. Wie viel meiner Zeit investiere ich künftig wo? Welche Möglichkeiten ergreife ich – und an welchen gehe ich bewusst vorbei?


Wie ordnet sich ein Leben neu, wenn man älter wird? Wie viel Zeit nehme ich mir für explizit geistliche Dinge – und wie viel verbringe ich mit meinen Enkeln? Wie gehe ich mit der Sehnsucht um, mit meiner Frau von Freiburg bis nach Süditalien zu wandern, einander noch tiefer kennenzulernen und den Menschen unterwegs unsere Aufmerksamkeit zu schenken?


Ich denke nach. Und ich merke:


Zu einem Ergebnis komme ich nicht so schnell.


Ich merke nur: Mein Leben verändert sich. Es gewinnt an Tiefe. Die Beziehung zu Gott wird noch realer, näher, fassbarer. Ich beginne mehr wertzuschätzen, dass ich bin. Nicht irgendwer – sondern ich. Im Jetzt und hier, verbunden mit Gott.


Trotz aller unbeantworteten Fragen spüre ich Frieden. Hier, auf unserer Terrasse, während das Tageslicht fast schon völlig verschwunden ist.


Die Amseln sind still geworden.


Wo wird mein Weg hinführen?


Gott weiß es. Das ist für heute Abend genug.


Alles Liebe. Rainer


 
 
 

1 Kommentar


Sven
vor einem Tag

Lieber Rainer, du bist mit deinen Gedanken auf dem Weg, den ich als den schmaler werdenden Weg sehen würde. Wir wissen, wohin er führt und bei uns ist das Bewusstsein, dass wir auf Gott zugehen, immer stärker werdend. Das nimmt bei uns viel Interesse an der Welt weg und schafft doch auch immer wieder große Unsicherheit. Deine Beiträge in Videos und Büchern haben uns auf diesen Weg geholfen. Bleib ganz auf Gott konzentriert und lass dich nicht zu sehr ablenken. Mit guten Gedanken, Sven

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