
Der Ernst der Sache.
- Rainer Harter

- 24. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Ich mag die Überschrift dieses Beitrags eigentlich nicht. Sie klingt nach Schwere und Anstrengung – und im Blick auf den christlichen Glauben irgendwie verkehrt.
Und doch ist sie – hinsichtlich des christlichen Glaubens – nicht falsch. Es gibt einen Ernst in der Sache der Nachfolge Jesu.
Ich schreibe diesen Text nicht, um zu provozieren, sondern weil mir der Ernst und die Schönheit echter Nachfolge Jesu so wichtig sind. Ich schreibe ihn, weil ich die Gemeinde Jesu liebe und mich ihr aktueller Zustand schmerzt.
Das griechische Wort Evangelion bedeutet übersetzt „froh machende Botschaft“. Tatsächlich gibt es keine bessere Nachricht als die, dass Gott uns durch den Opfertod Jesu völlige Vergebung all unserer Schuld schenkt und uns darüber hinaus sogar vom Tod befreit und uns ewiges Leben ermöglicht. Das ist mehr als gut – es ist perfekt!
Zugleich aber gelten in dem neuen Leben im Glauben klare Weisungen und Grenzen. Gott, der sie aufgestellt und festgelegt hat, ist jedoch kein Regelfanatiker, der wie ein Buchhalter unser Verhalten minutiös kontrolliert.
Gottes Weisungen und Grenzen haben immer zwei Zielrichtungen: Sie schützen uns selbst, und sie bewahren andere vor Schaden, den wir ihnen zufügen könnten. Manche von ihnen schmecken uns nicht, andere verstehen wir nicht – doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie gelten.
In den vergangenen Jahren haben sich einige Theologen und Prediger die Mühe gemacht, Gottes Weisungen und Grenzen neu zu durchdenken. In einer Zeit, in der es vielfach um „Verschlankung“ und „Dekonstruktion“ geht, müsse auch das Wort Gottes und insbesondere die darin enthaltenen Regeln für die Nachfolger Jesu neu betrachtet werden.
Leider ist man dabei weit übers Ziel hinausgeschossen – so weit, dass in manchen Kreisen ein Evangelium gepredigt wird, das sich zwar gut anhört, aber nicht mehr gut ist. Es wiegt seine Gläubigen in einer falschen Sicherheit, indem es unendliche Gnade und Liebe seitens Gottes vermittelt, zugleich aber die Konsequenzen unseres Handelns verschweigt und unerwähnt lässt, was es heißt, in der Gnade und Liebe Gottes zu bleiben.
Das biblische Evangelium war nie eine Wohlfühlbotschaft.
Es beschreibt vielmehr die radikale Liebe Gottes, die in denen, die sie umarmen, einen radikal neuen Lebensstil hervorbringt – einen Lebensstil, der sich ganz an Gottes Willen und Geboten ausrichtet.
Tatsächlich ist der Preis für die Nachfolge Jesu sehr hoch.
Jesus spricht an sechs Stellen in der Bibel von Kriterien, die ein Mensch ganz offenbar erfüllen muss, wenn er ihm nachfolgen will.
An dieser Stelle füge ich einen kleinen Spoiler ein: Die Fähigkeit, in diesen Kriterien zu leben, entspringt der Liebe und Gnade Gottes – nicht der eigenen Kraft. Es geht also nicht um Leistungsorientierung, sondern um Hingabe. Unser Teil ist es, die richtigen Entscheidungen zu treffen; die Kraft, deren Konsequenzen zu leben, kommt von Gott.
Während das postmoderne Evangelium sagt: „Komm so, wie du bist – und bleib ruhig so“, sagt das biblische Evangelium: „Komm so, wie du bist, und werde Stück für Stück wie ich“ (Röm. 8,29).
Jesu Liebe ist immer lebensverändernd. Seine Gnade ist nicht einfach ein Deckmantel für unsere Sündhaftigkeit, sondern die Kraft, Sünde zu überwinden.
Hier sind seine Aussagen zur Nachfolge, an denen sich jeder Christ messen lassen muss:
Radikale Priorität – Jesus vor den engsten Bindungen
„Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter …, so kann er nicht mein Jünger sein.“
(Lk 14,26)
Radikale Haltung – Nachfolge ohne Leidensbereitschaft ist keine Nachfolge
„Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein.“
(Lk 14,27)
Besitzlosigkeit im Sinn radikaler Verfügbarkeit
„So kann auch keiner von euch, der nicht allem entsagt, was er hat, mein Jünger sein.“
(Lk 14,33)
Radikale Selbstverleugnung
„Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst …“
(Mt 16,24 / Lk 9,23)
Radikaler Bruch mit dem alten Leben
„Wer die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“
(Lk 9,62)
Aufgabe des eigenen Lebensstils
„Wer sein Leben retten will, wird es verlieren …“
(Lk 9,24)
Gerade der Evangelist Lukas entromantisiert jede falsche Vorstellung von Nachfolge. Jesus wirkt bei ihm fast abschreckend – und das ist absichtlich so. Lukas will zeigen, dass Jesus keine Begeisterten sucht, sondern Entschiedene.
Interessant ist, dass Jesus an den genannten Stellen keine moralischen, sondern existenzielle Kriterien nennt. Er sagt nicht: „Wer sündigt, kann nicht …“ oder „wer zweifelt …“, sondern spricht von falschen Prioritäten, vom Festhalten, vom Absichern, vom Bewahren des eigenen Lebensstils und vom Nicht-loslassen-Wollen.
Das eigentliche Ausschlusskriterium ist ein geteiltes Herz.
Jesus sagt sinngemäß: Nachfolge ist kein Add-on. Wer mich will, bekommt mich ganz – oder gar nicht. Und wer mir nachfolgen will, tut es ganz – oder gar nicht.
Ist die Sache mit der Nachfolge ernst? Ja, das ist sie. Aber wer dem Gott nachfolgen will, den die Bibel offenbart, kommt um diese Ernsthaftigkeit nicht herum. Nur sie führt mitten ins Leben hinein. Nur sie schenkt uns Zugang zur herrlichsten Schönheit, die existiert: zu Gott, der uns ernst nimmt.
Ich sehne mich nach einer Kirche, die wieder radikal ist: in ihrer Liebe zu Gott, in ihrem Dienst an den Menschen und in ihrer Liebe zur ganzen Wahrheit der Bibel.
Alles Liebe
Rainer



Danke für diese kraftvollen und klaren Worte! Es ist ein grosser Schlüssel, diese radikale Nachfolge nicht als Druck, sondern als Hingabe seiner Selbst an den einen, den wahren und heiligen Gott, zu verstehen.
"Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." - Mt 6,24