Wölfe unter uns
- Rainer Harter

- vor 7 Tagen
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In der vergangenen Woche habe ich in meinem Impuls über den Trost geschrieben, den Hirten ihrer Herde geben. Diese Woche geht es um Wölfe, die sich in die Herde einschleichen, um und um die biblische Reaktion der Hirten auf diese existenzielle Gefahr.
Dazu schreibt Paulus:
„Ich weiß, dass nach meinem Abschied grausame Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her.“ Apg. 20,29–30
Ich bin seit vierzig Jahren Christ und versuche seither, Jesus zu folgen. In dieser Zeitspanne habe ich viel Gutes in der großen Herde Gottes erlebt, von der Paulus schreibt. Sie ist meine Herde, mein Zuhause.
Aber immer wieder bin ich erschrocken, wenn sich herausstellt, dass mitten in der Herde ein Wolf sein Unwesen treibt. Wie konnte er das bis dahin unerkannt tun?
Wie Paulus schreibt, kommen diese Wölfe oft aus unserer Mitte, gehören ihrem Äußeren nach zu uns, sprechen unsere Sprache, singen unsere Lieder und tun erstaunliche Dinge. Sie sind kaum von den Schafen zu unterscheiden, die dem großen Hirten demütig folgen und aus der Beziehung zu ihm heraus leben und wirken – bis jemand näher hinschaut und feststellt:
Der Wolf predigt Demut, Genügsamkeit und Heiligkeit, ist aber selbst voller Stolz, Geldgier und Unmoral.
In den vergangenen Jahren sind Schlag auf Schlag einige dieser Wölfe enttarnt worden. Doch bis dahin haben sie der Herde schon massiv geschadet, den Blick vom großen Hirten weg und auf sich selbst gerichtet und im Verborgenen manches Schaf gerissen.
Gott scheint seine Herde zu reinigen. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Ehrfurcht zugleich. Dankbarkeit, weil wir von einem Krebs befreit werden, der uns schwach gemacht hat. Ehrfurcht, weil Gott unmissverständlich zeigt, dass er nicht mit sich spielen und seinen Namen nicht in den Schmutz ziehen lässt – von niemandem.
Eine der Aufgaben unserer Hirten in Werk, Gemeinde oder Movement ist es, die Herde zu beschützen und Wölfe zu vertreiben, die sich eingeschlichen haben. Doch die Fälle der vergangenen Jahre zeigen, dass vielfach weggesehen wurde, wenn ein Schaf deutlich nach Wolf gerochen hat.
Deshalb muss unser Umgang mit den sprichwörtlichen Wölfen im Schafspelz neu erlernt werden.
Während Paulus klare Worte gegenüber solchen Betrügern fand, sie beim Namen nannte und aus der Gemeinde ausschloss, versuchen wir eher, Skandale nicht nach außen dringen zu lassen, um das Renommee des eigenen Werkes, der eigenen Gemeinde oder des eigenen Movements zu schützen. Aber Dienst, Gemeinde und Movement sind nicht wichtiger als die Menschen, die dazugehören. An dieser Stelle haben wir oft versagt.
Hirten sind dazu da, ihre Herde zu beschützen und Wölfe zu vertreiben.
Angst vor öffentlicher Enthüllung ist zwar verständlich, aber der Versuch, die Auswirkungen der Wölfe kleinzureden, sich eigener Verantwortung zu entziehen oder gar – aufgrund von falsch verstandener Gnade – dem Wolf zu erlauben, weiterhin Teil der Schafherde zu sein, ist destruktiv und in Wahrheit böse.
Ich glaube nicht, dass das Bekenntnis von Hirten, dass sich in ihren Dienst ein Wolf eingeschlichen hat, zu einem Vertrauensverlust in der Herde führt. Im Gegenteil: Die Schafe sehen, dass der Hirte auf Wölfe achtet und entschlossen durchgreift, wenn er einen enttarnt.
Wenn Leiter zugeben, dass sie jemanden aus ihrer Mitte falsch eingeschätzt, ihm vertraut und ihm eine Plattform gegeben haben und dann erkennen mussten, dass er sie benutzt und betrogen hat, dann ehrt sie das. Wenn sich aber herausstellt, dass sie um ihres Rufes willen die Sünden anderer ignorieren oder zudecken, dann entlarvt sie das als falsche Hirten.
Doch nicht nur die Hirten tragen Verantwortung. Auch die Schafe sind aufgefordert, wachsam zu sein und sich nicht von Wölfen im Schafspelz blenden zu lassen.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden besonders im charismatischen Segment der Christenheit Menschen auf Podeste gehoben. Dabei ist ein fast kindliches Verhalten zu beobachten: Sobald jemand besondere Kunststücke vorführt, extrovertiert auftritt oder mit großer Überzeugung seine besonderen Gaben in den Vordergrund stellt, beginnen die Augen vieler Gläubiger zu glänzen – und sie werden geblendet von der scheinbaren Salbung des Betreffenden.
Warum sind wir bloß so leicht zu täuschen? Ich glaube, dass dahinter ein tieferer Grund als bloße Naivität liegt: Es gibt in der Herde einen gewaltigen Hunger nach Gott.
Doch viele Schafe wollen nicht die Energie und Zeit aufbringen, Gott selbst und von ganzem Herzen zu suchen. Statt zu beten, zu fasten, der Sünde in ihrem Leben zu widerstehen und der Heiligkeit nachzujagen, ohne die laut Hebr. 12,14 niemand den Herrn sehen wird, lassen sie sich berauschen von den Geschichten, die andere ihnen mit großer Überzeugung erzählen. Sie leben dann einen Glauben aus zweiter Hand und vertrauen ungeprüft jeder Hand, die ihnen ein Gotteserlebnis verspricht.
Das wissen die Wölfe. Deshalb sind sie erfolgreich. Sie nutzen unsere Sehnsucht nach Gott schamlos aus.
Noch einmal: Ich freue mich nicht über die Skandale, die Schlag auf Schlag aufgedeckt werden. Aber ich bin froh, dass Sünde beim Namen genannt, Konsequenzen gezogen und die Gemeinde Jesu gereinigt wird.
Wir müssen wieder zu echten Gottsuchern, zu konsequenten Nachfolgern Jesu und zu Menschen werden, die Gott fürchten, anstatt ihn für unsere Zwecke instrumentalisieren zu wollen. Wir müssen aufhören, Zuschauer zu sein.
Man nennt das auch „Umkehr“.
Umkehr und persönliche Gottsuche haben viele positive Konsequenzen für unser Leben. Eine davon ist, dass wir die Wölfe erkennen können, die letztlich nur eines wollen: unsere Anbetung und unser Geld.
Und wir brauchen Leiter, die ein heiliges Leben führen – auch außerhalb der Gemeinde. Das fordert Paulus deutlich. Wenn sie das nicht tun, dürfen sie keine Hirten sein. Noch schlimmer als Wölfe in der Herde nämlich sind Wölfe, die sich als Hirten verkleiden.
Ich bin dankbar sagen zu können, dass ich Leiter kenne, die integer und echte Hirten sind. Sie lassen sich von Wölfen nicht so schnell blenden oder dulden sie gar, weil es ihnen eben nicht um Popularität geht, sondern um die Herde.
Gemeinde Jesu – lasst uns Gott suchen. Lasst uns umkehren, wo wir falsch liegen. Lasst uns Sünde beim Namen nennen und Kompromisse nicht dulden. Lasst uns aufhören, so zu tun, als hätten wir Gott in der Tasche. Und – um noch einmal den Hebräerbrief zu zitieren: „Lasst uns aufeinander achthaben …“ (Hebr. 10,24)
Alles Liebe. Rainer


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