Die Verantwortung der Schafe
- Rainer Harter

- vor 2 Tagen
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Mit diesem Beitrag schließe ich die Serie über Hirten, Wölfe und Schafe ab. Dieses Mal soll es um die Schafe gehen.
Oft haben wir bei ihnen das Bild von naiven Tieren vor Augen, die alles Denken und Leiten dem Hirten überlassen und alle Verantwortung ihm überlassen. Wenn Schafe in die Irre gehen oder von Wölfen gerissen werden, so unsere Vorstellung, trage allein der Hirte die Schuld.
Dieses Denken ist jedoch zu kurz gegriffen. Es genügt nicht, ein einzelnes biblisches Bild wie das der Schafe isoliert zu betrachten. Wie so oft kommt es auf das Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift an – und darin entdecken wir: Auch die Schafe - also wir Gläubigen - tragen Verantwortung. Für uns selbst, füreinander und in einem begrenzten, geistlich verantworteten Sinn sogar für den Hirten.
Doch in vielen christlichen Vorstellungen erscheinen Schafe beinahe völlig passiv: Sie werden geführt, versorgt und beschützt. Sie folgen einfach. Sie denken nicht. Dieses Bild ist zwar bequem, aber es ist unvollständig.
Schafe müssen Entscheidungen treffen: Ein Schaf, das dem Ruf des Hirten nicht folgt, bringt sich selbst in Gefahr. Eines, das nicht aufmerksam ist, macht die ganze Herde verwundbar. Und ein Schaf, das sich dauerhaft absondert, wird früher oder später zur leichten Beute.
Der Hirte kann den Weg weisen, doch er kann kein Schaf zwingen, ihm zu folgen.
Geistlich gesprochen heißt das: Nachfolge ist nichts, was einfach mit mir geschieht. Sie ist etwas, wozu ich mich immer wieder entscheide. Ich kann in einer Gemeinde sitzen und doch innerlich längst woanders sein. Ich kann dazugehören und doch nicht wirklich mitgehen.
Auch wenn wir das manchmal für harmlos halten, ist es das nicht. Häufig beginnt hier eine schleichende geistliche Isolation, durch die wir an Orientierung verlieren und nicht selten auch theologisch abdriften.
Jesus sagt im Johannesevangelium:
„Meine Schafe hören meine Stimme.“ Joh.10,27
Er sagt nicht: Sie hören jede Stimme, die fromm klingt. Und er sagt auch nicht: Sie hören meine Stimme ausschließlich durch Predigten oder geistliche Programme.
Schafe lernen die Stimme ihres Hirten kennen, wenn sie Zeit mit ihm und seinem Wort verbringen. Dann wird ihnen seine Stimme vertraut und nur so werden sie fähig, sie von anderen Stimmen zu unterscheiden.
Sie lernen aufmerksam hinzuhören und die Stimme ihres menschlichen Hirten mit der Stimme des guten Hirten, Jesus selbst, zu vergleichen.
Das ist einer der wirksamsten Schutzmechanismen gegen Wölfe: Vertrautheit mit Jesus.
Wer die Stimme dieses Hirten kennt, spürt Abweichungen, Unstimmigkeiten oder Fremdheit oft sehr bald. Viele Christen geraten in die Irre, weil sie die Stimme, die sie vor allen anderen hören sollten, zu selten hören. Manchmal folgen sie stattdessen einem Hirten, der selbst den Kontakt zur Stimme Jesu verloren hat oder ihn sogar bewusst meidet.
Eine weitere Verantwortung der Schafe ist die bewusste Zugehörigkeit zu einer echten Herde. Ein einzelnes Schaf ist verletzlich, aber eine Herde nicht so leicht. Wölfe greifen selten die Mitte der Herde an. Sie suchen den Rand. Die Nachzügler. Die vermeintlich Unabhängigen.
Geistlich gilt dasselbe. Christlicher Individualismus mag sich stark anfühlen, ist aber selten stabil. Wer sich dauerhaft einem gemeinsamen Weg entzieht, verliert früher oder später die Orientierung, was oft schleichend geschieht und kaum selbst bemerkt wird.
Nähe, Verbindlichkeit und Hingabe an eine Herde sind keine Zeichen von Unmündigkeit. Vielmehr ist die Herde ein Schutzraum.
Schafe sind keine dummen Tiere. Sie leben nicht in einem dauerhaften kognitiven Dämmerzustand. Sie sind aufmerksam und reagieren sensibel auf Unruhe, auf ungewöhnliche Bewegungen und auf Spannungen in der Herde. Hirten berichten, dass Schafe sehr genau zwischen vertrauten und fremden Stimmen unterscheiden. Selbst wenn ein Fremder dieselben Lockrufe benutzt, bleiben sie stehen oder weichen zurück - ein Freund von mir hat dies einmal selbst getestet.
Und in Gegenden mit Raubtieren genügt oft die Unruhe eines einzigen Tieres, um die ganze Herde wachsam zu machen.
Übertragen heißt das: Auch wir Christen sind gerufen, wahrzunehmen, was in uns, um uns und in der Herde geschieht, denn
nicht alles, was geistlich klingt, ist gesund.
Nicht jede Autorität ist vertrauenswürdig und nicht jedes Wachstum ist gut.
Verantwortliche Schafe dürfen – aus Mitsorge für die Herde – Fragen stellen.
Aber: Schafe sind keine Hirten. Ihre Verantwortung besteht nicht darin, alles zu zu steuern oder zu korrigieren. Sie besteht vielmehr darin, nicht naiv zu sein, nicht passiv zu bleiben und nicht bequem wegzuschauen. Wer Verantwortung immer nur nach oben delegiert, macht sich selbst kleiner, als Gott ihn gedacht hat. Geistliche Reife zeigt sich nicht darin, keine Fragen mehr zu haben, sondern darin, die richtigen Fragen am richtigen Ort zu stellen.
Psalm 23 will uns nicht nur trösten. Er ruft uns in Verbindlichkeit und Verantwortung hinein.
Der gute Hirte geht voran. Die Wölfe sind real.
Und Gott traut seinen Schafen mehr zu, als wir es oft selbst tun oder tun wollen.
Alles Liebe. Rainer


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