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My Shepherd

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • 19. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Wir alle kennen Psalm 23. Vielleicht kennen wir ihn sogar zu gut.


Die kostbaren Worte dieses Vertrauensgebets, das uns von David überliefert ist, sind uns so vertraut geworden, dass sie ihre Schönheit fast  verloren haben. Was einst aus einer existenziellen Tiefe gesprochen wurde, klingt heute für manche nur noch wie ein schöner, aber abgegriffener Text – vertraut, beruhigend, aber kaum noch herausfordernd.


Wo ich wohne, beginnen die Berge des Schwarzwaldes.

Schon ein kleines Stück von meinem Zuhause geht es bergauf: zunächst ziehen sich Weinreben und Obstbäume über die Hänge, dann verdichtet sich die Landschaft, und der Mischwald prägt das Bild.


Auf den Streuobstwiesen lässt sich mehrmals im Jahr eine Schafherde nieder – etwa zweihundert Tiere, zusammen mit einem Hirten. Ein stilles, unspektakuläres und zugleich ansprechendes Geschehen.


Ich staune jedes Mal darüber, wie wenig Worte der Hirte macht.

Einige knappe Zeichen, ein Pfiff, ein kurzer Ruf – mehr braucht es nicht, um die Hunde zu lenken und die Herde in Bewegung zu halten. Keine Hektik, kein Drängen.



Diese Beobachtung lässt mich neu darüber nachdenken, dass Jesus sich selbst mehrfach als Hirte derer bezeichnet, die ihm folgen. In ihm bekommt der Hirte aus Psalm 23 ein Gesicht. Er bleibt nicht Bild oder Metapher, sondern wird ganz fassbar. Was David im Vertrauen besingt, tritt uns in Jesus konkret entgegen: Gott, der uns führen möchte.


Interessant ist für mich die Art, wie ein Hirte führt. Es geschieht leise und fürsorglich – und zugleich erstaunlich klar und zielgerichtet. Die Herde wird dorthin geleitet, wo der Hirte sie haben will. Auch wenn die Schafe es nicht erkennen können: der Hirte führt nicht willkürlich, sondern aus Übersicht und Verantwortung heraus.


Zwischen Hirte und Schafen gibt es keine Diskussion. Nicht die Schafe entscheiden, wo und wie lange sie weiden, wann es Zeit ist weiterzuziehen oder wann zur Ruhe. Führung bedeutet hier nicht Aushandlung, sondern Vertrauen: sich leiten zu lassen von einem, der mehr sieht, mehr weiß und die Wege kennt.


Manchmal „zickt“ ein einzelnes Tier und versucht, den Hirten zu ignorieren – zu schmackhaft sind die Kräuter, die es gerade gefunden hat. In der heutigen Weidepraxis greift der Hirte dann meist nicht selbst ein, sondern schickt seinen Hund. Der Hund übernimmt das Einfangen, Antreiben oder Abdrängen – schnell und effizient. Der Hirte bleibt dabei auf Distanz und behält den Überblick.


Zur Zeit Davids war diese Form der Hütearbeit allerdings noch nicht selbstverständlich. Archäologische und altorientalische Quellen zeigen: Hirtenhunde waren im Alten Israel nicht oder nur sehr begrenzt im Einsatz. Die Verantwortung lag beim Hirten selbst. Verirrte oder widerspenstige Schafe bedeuteten für ihn: nachgehen, suchen, zurückholen, was oft mühsam und zeitaufwendig war.


Hier kommt der Hirtenstab ins Spiel. Er war kein Schlaginstrument, sondern ein Arbeitsgerät. Mit ihm konnte der Hirte ein Schaf heranziehen, es vom Abgrund wegziehen, aus Dornengestrüpp befreien oder sanft umlenken. Der Stab verlängerte den Arm des Hirten – nicht, um zu verletzen, sondern um Nähe herzustellen, wo Distanz entstanden war. Ungehorsam wurde nicht ignoriert, aber auch nicht brutal bestraft. Er erforderte Einsatz, Geduld und körperliche Präsenz.


Vor diesem Hintergrund bekommt der Satz aus Psalm 23 sein Gewicht:


„Dein Stecken und dein Stab trösten mich.“

Der Trost liegt nicht im Werkzeug, sondern im Hirten. Darin, dass er nachgeht und dass er Verantwortung selbst dann übernimmt, wenn es für ihn anstrengend ist. Der Stab steht nicht für Kontrolle, sondern für Verlässlichkeit und für einen Hirten, der nicht auf Distanz bleibt, sondern sich in Bewegung setzt, wenn eines seiner Schafe verloren zu gehen droht.


Aber warum wird in Psalm 23 von zwei Werkzeugen gesprochen?


Damals diente der Stecken (šēḇeṭ) dem Hirten zur Abwehr von Raubtieren und zur Durchsetzung von Ordnung. Mit ihm konnte er ein angreifendes Tier vertreiben oder einer unruhigen Herde klare Grenzen setzen. Er steht für Autorität, für Schutz nach außen und dafür, dass Gefahr nicht verharmlost wird. Wo der Stecken gebraucht wird, ist Bedrohung real.


Der Stab (mišʿenet) dagegen ist feiner gearbeitet, oft gebogen. Er war eine Stütze beim Gehen und ein Instrument, um ein Schaf heranzuziehen oder aus Dornen zu lösen. Er steht für Nähe, für Begleitung und fürsorgliche Zuwendung und kommt dort zum Einsatz, wo ein Schaf Halt braucht oder die Orientierung verloren hat.


David nennt beide als Quelle des Trostes. Nicht nur das Sanfte tröstet demnach, sondern auch das Klare. Nicht nur die Nähe, sondern auch der Schutz. Trost entsteht dort, wo der Hirte klar leitet und sich zugleich fürsorglich dem Einzelnen zuwendet.


Ich wünsche dir für die neue Woche diesen Trost. Gott will dich leiten – auch dann, wenn du selbst andere Pläne hast.

Und er wird dich schützen – selbst vor Gefahren, die du noch gar nicht sehen kannst.


Rainer

 
 
 

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1 Kommentar


Sr. Dietlinde
19. Jan.

Gestern hoerten wir eine sehr gute Predigt im Gottesdienst ueber den Psalm 23. "My shepherd" ist noch eine gute Ergaenzung dazu. Danke!

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