Die Alten - und wir
- Rainer Harter

- vor 14 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Drei Tage war ich jetzt in Mainz, bei dem Mann meiner verstorbenen Mutter. Neunzig ist er, und wenn ich bei ihm sitze, kehren wir oft an dieselben Orte zurück: seine Kindheit, die Nachkriegsjahre, meine Mutter.
Manchmal erzählt er mir eine Geschichte zum dritten Mal. Dann lachen wir oder werden gemeinsam still, je nachdem, um welche Geschichte es sich handelt.
Immer wieder weiß ich nicht so recht, was ich mit ihm sprechen soll. Sein Lebenshorizont ist verständlicherweise begrenzt, fast scheint es, dass er wartet, bis er gehen kann.
Dann habe ich noch eine Tante, um die ich mich regelmäßig kümmere. Achtundneunzig ist sie, seit vielen Jahren begleite ich sie nun schon, und gerade liegt sie im Krankenhaus, geschwächt, aber nicht ernsthaft krank. Auch bei ihr ist es oft die Vergangenheit, die den Raum füllt. Geschichten von Menschen, die ich nie getroffen habe. Orte, die es nicht mehr gibt.
Lange dachte ich, der Blick alter Menschen zurück sei einfach eine Alterserscheinung. Die Gegenwart wird kleiner, also füllt man den Raum mit dem, was war. Aber mittlerweile meine ich zu verstehen, dass es mehr ist als das.
In der Psychologie gibt es dafür sogar einen eigenen Begriff: den Lebensrückblick. Schon vor sechzig Jahren hat der amerikanische Gerontologe Robert Butler beschrieben, dass alte Menschen ihr Leben noch einmal durchgehen. Offenbar tun sie dies nicht aus Langeweile, sondern als eine Art innerer Ordnungsarbeit. Sie fragen sich, was das für ein Leben war, das sie gelebt haben. Hat es sich gelohnt? Wer waren sie, wem haben sie etwas bedeutet?
Wer neunzig oder gar achtundneunzig ist, hat die meisten Weggefährten schon verloren.
Ehepartner, Geschwister, Freunde aus der Jugend – fast niemand ist mehr da, der sich an dieselben Dinge erinnert. Vom eigenen Leben erzählen heißt dann auch: sich selbst noch einmal einbinden in ein Netz aus Beziehungen, das es in der Gegenwart kaum noch gibt. Man wird sein eigener Zeuge.
Eine große deutsche Studie zu Hochaltrigen hat das bestätigt: Soziale Eingebundenheit ist für sehr alte Menschen eine der wichtigsten Ressourcen überhaupt – wichtiger oft als die Gesundheit selbst. Und fast siebzig Prozent der über Achtzigjährigen wünschen sich, ihre Lebenserfahrung mit anderen zu teilen. Sie wollen nicht nur versorgt werden. Sie wollen gebraucht sein.
Wir leben meist so, als gäbe es kein Alter, in dem wir zunehmend allein und körperlich eingeschränkt sein werden. Wir sprechen lieber davon, dass Achtzig das neue Sechzig ist und man einfach aktiv bleiben müsse, um weiterhin ein gutes Leben führen zu können.
Wenn ich das meinen alten Verwandten sagen würde, wäre das wahrscheinlich ein Hohn in ihren Augen. Treppen sind zu schier unüberwindlichen Hindernissen geworden. Lesen und Schreiben ist unendlich mühsam, weil die Augen so schlecht sind. Gespräche in Gruppen lösen Stress aus, weil sie zunehmend zu einer Kakophonie werden.
Auch wenn manche Christen der Überzeugung sind, dass sie von solchen Einschränkungen niemals betroffen sein werden, ist es doch die Realität des größten Teils alter Menschen.
Was also tut ihnen gut? Was wird mir gut tun, wenn ich so alt bin?
Im Umgang mit meinen alten Verwandten stelle ich fest: Die alten Geschichten noch einmal hören zu wollen, ist selbst schon eine Form der Liebe. Aber es tut ihnen auch gut, gefragt zu werden, was sie heute denken. Was sie an der Welt gerade beschäftigt. Ob sie einen Rat für mich haben. Die Fähigkeit zur Generativität – das Bedürfnis, etwas an die nächste Generation weiterzugeben – bleibt oft bis ins hohe Alter lebendig. Man muss sie nur wecken, indem man tatsächlich fragt.
Und manchmal reicht es, einfach still zu sein. Nicht jedes Schweigen muss gefüllt werden. Mich hat zutiefst berührt, was der Mann meiner verstorbenen Mutter in den drei Tagen meines Besuchs mehrfach zu mir gesagt hat: „Du bist einer meiner besten Freunde“.
Alles was ich getan habe, war, mit ihm am Grab meiner Mutter zu stehen, am Rhein zu sitzen, gemeinsam Pizza zu essen, WM-Fußball zu schauen und für ihn zu beten.
Dabei versuche ich, ihn nicht wie ein Kind zu behandeln, sondern als einen Mann mit einem reichen Leben.
Ich glaube, ein Auftrag an alten Menschen ist, ihnen die Würde zurückzugeben, die eine leistungsorientierte Welt ihnen oft nimmt. Ja, sie können nicht mehr viel beitragen. Aber sie sind wertvoll – mit ihrer ganzen Geschichte, mit allem, was sie in einem langen Leben gesehen und getragen haben.
Die Besuche kosten mich etwas. Manchmal muss ich mich dazu überwinden, weil ich die Stunden lieber anders füllen würde. Die Wiederholungen, das langsame Tempo, die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit, die einem in jedem Besuch entgegenkommt.
Aber ich lerne dabei auch etwas, das ich anders kaum lernen würde: Geduld, die nicht auf ein Ergebnis wartet. Zuhören, ohne dabei Probleme zu lösen. Und die stille Ahnung, dass ich selbst irgendwann so dasitzen werde – und hoffe, dass dann jemand bleibt.
Vielleicht hast du ebenfalls solche alten Menschen um dich. Vielleicht ist die neue Woche eine Gelegenheit, sie zu besuchen und ihnen zuzuhören.
Alles Liebe. Rainer


Danke für diese Perspektive - liebevolle Zuwendung, auch manchmal Ausdruck einer herausfordernden Entscheidung, lässt Vergangenheit wieder Teil der Gegenwart werden, und Dein Besuch gibt dem Gegenüber einen Impuls nach vorne zu schauen, den Rückblick etwas zu úberwinden, wenn der “Freund” kommt. Anstrengend und Hoffnung stiftend.
Generativität ist eine konkrete Herausforderung an uns alle, hierzu gehört auch die Bereitschaft zumTeilen und zur Freude am Wachstum des Nächsten. Wirklich wichtig, unseren Lebenskreis zu komplettieren.
Herzlichst …
Oh Ja, bedenke dass wir alle sterben müssen und uns die Zeit auslaufen gleichzeitig ist Gott ein Vater der Witwen und Waisen