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Von Geschichten umgeben

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • vor 16 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Ich sitze im Zug von Flensburg nach Freiburg.


Eine lange Strecke, viele Stunden – und um mich herum sitzen Geschichten.


Viele Geschichten.





Wenn ich in die Gesichter meiner Mitreisenden schaue, ihre Körpersprache sehe und ihre Worte höre, tut sich ein ganzes Universum auf.

Da ist die junge Frau schräg gegenüber, mit ihrem vielleicht dreijährigen Mädchen. Sie spricht in derben Worten und sieht für ihr Alter schon verbraucht aus. Kein Lächeln liegt auf ihrem Gesicht, eher etwas Zorniges. Ihr Verhalten macht mich traurig. Was ist ihre Geschichte?


Da sind die zwei älteren Menschen direkt vor mir, von denen der eine plötzlich die Unplanbarkeit des eigenen Todes anspricht. Die beiden wirken dabei gar nicht erschrocken oder betrübt, sondern auf eine stille Weise gelassen. Was haben sie erlebt, dass sie so ruhig darüber sprechen können? Was ist ihre Geschichte?


Gegenüber sitzt ein junger Mann mit einem T-Shirt, auf dem "Free Palestine" geschrieben steht und das er mit Überzeugung zu tragen scheint. Wieviel er wohl über den Konflikt vor Ort weiß, frage ich mich. Warum ist es ihm wichtig, diese Botschaft vor sich herzutragen? Was ist seine Geschichte?


Und da ist die allein reisende Dame, die wie ich die Szene in sich aufnimmt – und sich vielleicht ebenfalls fragt, welche Geschichten die Menschen in diesem Mikrokosmos mit sich tragen.


Ich kenne keine dieser Geschichten. Aber ich bin sicher: Jeder hier trägt eine mit sich. Manchem sieht man es an – ein müder Gesichtszug, ein zorniger Blick, traurige Augen. Anderen ist ihre Geschichte nicht anzusehen; sie tragen sie in ihrem Inneren, vielleicht tief vergraben.


Jeder, dem ich heute begegne, trägt eine Geschichte, die ich nicht sehen und höchstens erahnen kann.

Manche dieser Geschichten sind groß und dramatisch – eine Diagnose, ein Abschied, ein Scheitern, von dem alle wissen. Andere sind klein und unscheinbar. Man trägt sie in der Jackentasche mit sich herum, und niemand ahnt, wie schwer sie wiegen – eine alte Enttäuschung, eine Sorge, die man keinem zumuten will, ein Misserfolg, den man längst abgehakt haben sollte und doch nicht loswird.


Unsere Geschichten haben Gewicht und wir tragen sie so verschieden. Der eine trägt sie offen vor sich her. Der andere schnürt sie fest und lächelt, während die Riemen in die Schultern schneiden. Wieder einer hat sich so daran gewöhnt, dass er gar nicht mehr weiß, wie sich Gehen ohne dieses Gewicht anfühlt.


Manche dieser Gewichte tragen wir schon so lange, dass wir uns an sie gewöhnt haben. Wir merken kaum noch, wie sehr sie uns beugen – bis uns jemand fragt, wie es uns wirklich geht, und wir spüren, wie nah die Tränen auf einmal sind. Wir meinen, wir müssten alles allein tragen, als wäre es ein Zeichen von Schwäche, unsere Lebenslast jemandem zu zeigen.


Gott kennt unsere Geschichten. Er war bei jeder Komödie und jedem Drama unseres Lebens dabei, hat mitgelacht und mitgeweint. Er verlangt von uns nicht, dass wir so tun sollen, als gäbe es keine Last in unserem Leben. Stattdessen sagt er durch seinen Sohn:


„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." Mt 11,28

Er lädt dazu ein, die Last zu ihm zu bringen. Nicht jedes Gewicht wird dadurch sofort leichter. Manches bleibt schwer. Aber es macht einen Unterschied, ob ich gebeugt und allein gehe oder ob ich weiß, dass da einer mitträgt.


Oft trägt Gott ganz handfest – durch einen Menschen, der neben uns hergeht, der nachfragt, der die Last einen Moment lang mitträgt.


Das ist auch eine Einladung an uns: nicht weg- sondern hinzusehen bei den anderen, deren Lasten wir sonst leicht übersehen.

Der Zug wird langsamer, Freiburg. Ich nehme meine Tasche, gehe an den Menschen vorbei, mit denen ich teilweise viele Stunden auf wenigen Quadratmetern verbracht habe. Unsere Wege trennen sich. Ich werde ihre Geschichten nie erfahren. Aber ich wünsche jedem von ihnen, dass er seine Lebenslasten nicht allein trägt.


Das wünsche ich auch dir.


Alles Liebe, Rainer

 
 
 

1 Kommentar


Gast
vor 14 Stunden

..Warum nicht auf die Menschen zugehen und rantasten?

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