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Segelgedanken

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Einmal im Jahr bin ich mit einem Freund auf dessen Segelboot unterwegs. Wir nehmen uns eine Woche Urlaub und steigen aus, aus allen dienstlichen Verantwortungen, die wir beide tragen: Mitarbeiter, Finanzen, Administration und vieles mehr.



Diese Zeit auf dem Boot tut uns beiden gut. Wir kennen uns seit fast vier Jahrzehnten, und trotz der räumlichen Entfernung zwischen unseren Wohnorten haben wir den Kontakt nie abreißen lassen. Diese lange Verbundenheit ist ein großes Geschenk für uns beide. Beide haben wir einen langen beruflichen Weg hinter uns und stehen nur wenige Jahre vor dessen offiziellem Ende. Noch aber sind wir, beide Pioniertypen, im Modus „Vollgas”.

Wohltuend sind die Stille auf dem Meer, unsere Gespräche und unser Schweigen.


Immer wieder kommen wir im Gespräch auf die Herausforderungen des Lebens, auf seine Schönheit und auf die Abgründe, denen wir alle auf unserem Weg begegnen. Dabei wird uns neu bewusst, was für ein hochkomplexes Wesen der Mensch ist und wie wenig wir eigentlich über uns selbst wissen, über das, was tief in uns vorgeht.


Ein ganzes Universum öffnet sich, wenn man beispielsweise darüber nachdenkt, warum wir den Momenten des Glücks so beharrlich nachjagen. Und wenn man zugleich bedenkt, wie viel unsere Glücksgefühle mit biochemischen Prozessen im Gehirn zu tun haben. Ein erfüllter Augenblick, ein gelungenes Werk, ein Wort der Anerkennung: vieles davon lässt sich heute bis in die Botenstoffe unseres Körpers hinein beschreiben.


Und doch bleibt eine Frage, die keine Messung beantwortet. Was ist Glück wirklich? Denn der Mensch lässt sich nicht alleine auf Biochemie reduzieren.

Gibt es denn einen Zustand der Zufriedenheit, der nicht von diesen inneren Prozessen abhängt, nicht von Selbstbestätigung, Erfolg oder Anerkennung?


Und wo hat in all dem der Glaube an Gott seinen Platz? Ist auch er nur eine Art Hormonausschüttung, oder ist er die Erfahrung dessen, was sich auf einer tieferen, eher verborgenen Ebene unseres Lebens abspielt?


Auf einem Segelboot lebt man ganz auf der Oberfläche. Wind, Wellen und Wetter bestimmen den Tag und manchmal die halbe Nacht. Doch jeder, der einmal getaucht ist, weiß um die Stille, die wenige Meter unter dem Kiel liegt und die kein Sturm erreicht. So ähnlich scheint es mit uns zu sein:


Unsere Glücksgefühle gehören zur Oberfläche unseres Lebens. Sie steigen und fallen mit dem Wetter unserer Tage. Aber sie sind nicht der Grund, auf dem wir stehen.

Die Bibel kennt diese Tiefe, die oft verborgene Ebene. Paulus schreibt einige seiner stärksten Zeilen aus dem Gefängnis, von einem Ort also, an dem es weder Erfolg noch Anerkennung noch Freiheit gab. Und ausgerechnet dort spricht er von einem Frieden, der höher ist als alle Vernunft (Philipper 4,7). An anderer Stelle sagt er einen Satz, der mich seit Jahren begleitet:


Euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott (Kolosser 3,3).

Genau dort, tiefer als jede Stimmung und stärker als jeder Botenstoff, sind wir mit ihm verbunden. Diese Verbindung hängt weder von einem guten noch von einem schlechten Tag ab. Sie bleibt, wenn die Wellen hoch gehen, und sie bleibt, wenn das Meer glatt daliegt wie ein Spiegel.


Für mich ist diese Betrachtungsweise eine Einladung, nicht den Glücksgefühlen hinterherzulaufen, die kommen und gehen, sondern immer wieder hinabzusteigen in die Tiefe: zu Gott. Zu dem, der alles trägt.


Wer dort zu Hause ist, verliert die Freude an der Oberfläche nicht und wird auch nicht gefühlsfeindlich. Er kann die Momente von Glück einfach empfangen und genießen, ohne ihnen nachjagen zu müssen. Denn er trägt einen Grund in sich, den keine Welle wegspülen und keine Flaute langweilig machen kann.


Ich wünsche dir eine gute Woche auf dem Segelboot deines Lebens. Spüre den Wind, die Sonne, den Regen und die Stille der Flaute - und wisse dich getragen.


Alles Liebe, Rainer

 
 
 

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