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Wer bin ich geworden?

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wo stehe ich in meiner Reife als Mensch, als Christ? Erkenne ich mich wieder, wenn ich zurückschaue und daran denke, wer ich einmal sein wollte?


Oder ist meine Entwicklung ganz anders verlaufen?



Solche Fragen kommen, wenn man älter wird. Fast könnte man sagen: leider oft erst dann. Spätestens dann klopfen sie in uns an, bis man ihnen Gehör schenkt.


Diesbezüglich bewegt mich aber auch schon seit langem eine Aussage, die Paulus im Römerbrief macht. Sie leitet mich auf meinem Weg, in dem sie mir zeigt, was wirklich wichtig ist: Jesus ähnlicher zu werden.


"Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene ist unter vielen Brüdern." Römer 8,29

Die Frage ist: bin ich diesem Ziel Gottes in vierzig Jahren näher gekommen?

Die Antwort lautet: hoffentlich.


Ja, da gibt es Bereiche, die ganz eindeutig von Veränderung zeugen. Doch je länger ich unterwegs bin, desto weniger würde ich stolz behaupten, diesem Ziel besonders nahe zu sein. Nicht, weil nichts geschehen wäre. Sondern weil ich sehe, wie groß das Ziel ist.


Und da gibt es eine Art von Distanz, die mit aller persönlichen Veränderung sogar gewachsen ist. Aber das ist keine Distanz, die Trennung von Gott bedeutet. Es ist ehrfürchtiges Zurücktreten, ein Staunen und große Dankbarkeit ihm gegenüber, der so viel größer ist als mein kleines Leben. Dass er mich liebt und trägt ist mir so bedeutsam.


Je ehrlicher ich auf mein Leben schaue, desto deutlicher sehe ich, wie sehr ich Gottes Gnade brauche. Sie ist der Boden, auf dem mein Leben steht. Von ihr brauche ich nicht weniger als früher, sondern eher mehr.


Man könnte meinen, das müsste mit den Jahren abnehmen. Dass ein Mensch, der jahrzehntelang mit Jesus unterwegs ist, irgendwann an einen Punkt kommt, an dem er die Gnade nur noch in Maßen benötigt.


Ich glaube, es ist umgekehrt.


Es gibt einen Menschen in der Bibel, an dem sich diese Sichtweise nachzeichnen lässt. Es ist derselbe Mann, der den Vers oben geschrieben hat: Paulus.

Wenn man seine Briefe in der Reihenfolge liest, in der sie vermutlich entstanden sind, kann man eine leise Bewegung in seinen Selbstbezeichnungen entdecken.


In einem seiner frühen Schreiben beispielsweise, dem an die Gemeinden in Galatien, ist sein Ton kämpferisch. Seine Autorität wird dort angegriffen, und so verteidigt er sie mit aller Kraft:


„Paulus, ein Apostel, nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater.“ Galater 1,1.

Das ist ein Mann, der weiß, wer er ist, und der es sich nicht nehmen lässt. Berufener Apostel, von Gott selbst gesandt. Man spürt das Selbstbewusstsein in jeder Silbe.

Und dann, viele Jahre später, schreibt derselbe Mann aus dem Gefängnis. Diesmal beginnt der Brief ganz anders:


„Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu.“ Philipper 1,1.

Kein Apostel-Titel mehr. Nur noch Knecht. Und er stellt sich auf eine Stufe mit seinem jungen Mitarbeiter Timotheus, statt sich über ihn zu erheben.


Diese Linie verläuft nicht schnurgerade und ich will nicht überzeichnen. Der allererste Brief des Paulus kommt sogar ganz ohne Titel aus, und zwischendurch betont er seine Apostelwürde durchaus mit Nachdruck, vor allem dann, wenn man sie ihm streitig macht. Paulus war kein Mensch, der sich von Brief zu Brief mechanisch demütiger gab. Er war lebendig, situativ und manchmal auch scharf.


Und trotzdem bleibt an seinem Lebensende dieser Klang, der auch mich beschäftigt: Weniger wichtig vor den Menschen zu sein, nicht immer mehr. In seinen Selbsteinschätzungen wird er noch deutlicher. Vom „geringsten unter den Aposteln" über den „allergeringsten unter allen Heiligen“ bis zu dem fast erschütternden Satz, er sei unter den Sündern „der erste“.


Was Paulus da beschreibt, ist nicht etwa, dass ein Mensch mit den Jahren immer mehr sündigt. Es ist nicht so, dass wir zwangsläufig mit den Jahren moralisch verfallen würden und uns am Ende unseres Lebens als Wrack betrachten müssten. Das wäre ein Missverständnis, und es widerspräche allem, was Paulus über das neue Leben in Christus geschrieben hat. Er glaubte fest an die Heiligung, an das echte Wachstum, an die Veränderung, die der Geist Gottes in einem Menschen wirkt. Das tue ich ebenso.


Was sich verändert, ist nicht die Menge der Sünden. Was sich verändert, ist unser Blick.

Wer in einem abgedunkelten Raum sitzt, hält ihn vielleicht für einigermaßen sauber. Erst wenn das Sonnenlicht durch das Fenster fällt, sieht man den Staub in der Luft tanzen. Der Staub war vorher auch da, aber jetzt erst wird er sichtbar. Nicht der Raum ist schmutziger geworden. Das Licht ist heller geworden.


Genau das geschieht in einem Menschen, der Gott näherkommt. Je mehr er im Licht steht, desto mehr sieht er. Nicht weil er schlechter würde, sondern weil er klarer sehen kann.


Bernhard von Clairvaux, einer der großen Lehrer des Mittelalters, hat darüber ein ganzes Buch (Über die Stufen der Demut und des Hochmuts) geschrieben. Für ihn war die Demut nichts Bedrückendes, sondern der Weg, auf dem ein Mensch sich endlich in der Wahrheit erkennt, so wie er wirklich ist.


Demut heißt für Bernhard nicht, schlecht von sich zu denken, sondern wahr von sich zu denken. Und wahr kann ein Mensch nur im Licht Gottes denken. Wer einer Kerze nahekommt, hält sich vielleicht selbst noch für hell. Wer der Sonne nahekommt, merkt erst, wie wenig er leuchtet.


Paulus’ wachsende Selbsterkenntnis hat ihn nicht zerbrochen. Sie hat ihn nicht in Schwermut gestürzt. Im Gegenteil. Dass liegt daran, dass er seine Selbsterkenntnis nie ohne die Gnade Gottes gedacht hat.


Er sagte nicht: Ich bin der größte Sünder, also bin ich verloren.


Er sagte: Christus ist gekommen, die Sünder zu retten, und ich bin der lebende Beweis dafür, dass diese Rettung trägt.


Je größer er die eigene Bedürftigkeit erkannte, desto größer wurde ihm die Gnade. Das eine wuchs mit dem anderen. Das ist der Grund, warum diese Bewegung nicht destruktiv ist, sondern befreiend. Denn wer meint, mit den Jahren die Gnade immer weniger zu brauchen, der lebt in einer leisen Anstrengung. Er muss seinen Fortschritt verteidigen. Er muss sich und anderen beweisen, dass er reifer geworden ist. Wer aber erkennt, dass er die Gnade auch im Alter noch genauso braucht wie am ersten Tag, der darf endlich aufatmen. Er muss nichts mehr halten. Er wird gehalten.


Reife im Glauben zeigt sich nicht darin, dass wir Gott weniger brauchen. Sondern darin, dass wir aufhören, so zu tun, als ob.

Ich wünsche dir, dass du dich in dieser neuen Woche anschauen kannst, ehrlich und ohne Angst. Und dass du dabei nicht in den Staub starrst, sondern in das Licht, das ihn sichtbar macht. Denn dieses Licht ist kein Ankläger, sondern heilsam.


Es ist die Nähe dessen, der dich längst kennt und liebt.


Alles Liebe. Rainer

 
 
 

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