Gemeinde und Gebet
- Rainer Harter
- 17. Nov.
- 4 Min. Lesezeit

Immer wieder bin in ganz unterschiedlichsten Gemeinden unterwegs um dort jeweils ein Seminar zum Thema Gebet zu halten. Fast überall begegnet mir dasselbe Phänomen:
Gebet ist das Stiefkind der Gemeinde.
Ich treffe auf tolle Pastoren, begabte Lobpreisteams und hingegebene ehrenamtliche Mitarbeiter. Dann höre ich nahezu unisono folgendes:
„Wir wollen eine betende Gemeinde sein, aber zu unseren Gebetsveranstaltungen kommen nur einige wenige (meist ältere) Menschen.“
Das Problem ist landauf und landab dasselbe:
Gebet wird als anstrengend erlebt, man weiß nicht, wie man beten soll.
Das ist erstaunlich, denn Jesus sagte deutlich, dass das Haus seines Vaters - damals der Tempel - ein Gebetshaus ist. Auf viele der deutschen Kirchengemeinden trifft das schlicht nicht zu. Wir sind stark in der Anbetung, in der Lehre, in caritativen Dingen - aber Gebet? Man reagiert verschämt auf die Frage, wie es um das Gebetsleben der Gemeinde bestellt ist: „Wir wissen nicht, wie wir die Gemeinde zum Gebet motivieren können“ steht als Aussage im Raum.
Dann komme ich, halte ein Seminar und es ändert sich: nichts.
Ok, ganz so schlimm ist es nicht, aber man kann auch nicht sagen, dass anschließend eine Erweckung des Gebets ausbricht. Warum ist das so? Ich habe folgende Gedanken:
Es geht zu sehr um uns
Die letzten Jahrzehnte der Gemeinde stehen im Zeichen von Niederschwelligkeit und Fürsorge. Das ist schön, führte aber auch dazu, dass viele Gemeindeglieder zu Konsumenten geworden sind. Sie wurden nicht gelehrt, dass Hingabe nicht nur in der Anbetung stattfindet, sondern auch durch Selbstverleugnung und die Entscheidung, zuerst nach Gottes Reich zu trachten - und zwar ganz praktisch.
Wir verstehen das Privileg und den Auftrag des Betens nicht mehr
In Jakobus 4,2 steht: „Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet.“ So einfach ist das. Wir versuchen mit anderen Mitteln zu erreichen, was nur durch Gebet erreicht werden kann. Dieses Vorgehen ist zum Scheitern verurteilt. Gott nimmt uns ernst und erwartet, dass wir unsere Rolle in der genialen Partnerschaft mit ihm ausfüllen - dazu gehört das Gebet. In meiner Beschäftigung mit Erweckungsgeschichte habe ich festgestellt, dass es keine Erweckung gab, in deren Vorfeld nicht ernsthaft, dauerhaft und gemeinsam gebetet wurde.
Gebet weckt wenig Emotionen in uns
Lieber beten wir an, hören einem gesalbten Prediger zu und lesen ein ermutigendes Buch, als dass wir beten. Warum: weil all das positive Emotionen in uns weckt - und das lieben wir Menschen. Wir haben aus dem Blick verloren, was Gebet eigentlich bedeutet: es ist der Schritt in die Gegenwart der vollkommenen Schönheit und der Ort der Veränderung.
Wir sind sprachlos geworden
Es gibt kaum etwas schlimmeres in einer Ehe, als die folgenden Sätze: „Du erzählst mir nichts“ und „Du hörst mir nicht zu“. Ich schüttle den Kopf, wenn ich in einem Restaurant Paare sehe, die sich schweigend gegenübersitzen: Sie starrt ins Leere, er aufs Smartphone. Kein Herzensaustausch, nur Distanz.
Mit Gebet ist es ganz ähnlich: Wenn die persönliche Kommunikation mit Gott fehlt, entsteht Distanz und Langeweile schleicht sich ein. Jesu Jünger sind sprachlos geworden, was auch daran liegt, dass sie nicht trainiert werden, wie man einen Lebensstil des Gebets führt.
Wir glauben nicht wirklich, dass Gebet etwas bewirkt.
Jeder von uns hat einen Sack voll unerhörter Gebete auf dem Buckel. Er wiegt oft schwer und bremst unseren Glauben, also sagen wir uns: „lieber erst gar nicht so viel beten, dann wird man auch nicht so oft enttäuscht“. Erstaunlich ist, dass wir Gebetserhörungen viel schneller wieder vergessen als die unerhörten Anliegen und dass wir wenig darüber lernen, wie Glauben wachsen kann.
Mich motiviert in Bezug auf meine eigene „unerhörte Last“ beispielsweise die alte Hanna, von der in Lukas 2 berichtet wird: Sie hat 60 Jahre am Stück gebetet - da gibt es bei mir noch Luft nach oben. Und ich denke an die rund 700 Stellen, an denen die Bibel über Gebet spricht und insbesondere an das Vaterunser, das ein Modellgebet ist und unser Gebetsleben verändern kann, wenn wir es nicht nur vor uns hin murmeln - darüber schreibe ich auch in meinem neuen Buch über das Vaterunser, das im Februar 2026 erscheint.
Gebet ist faszinierend. Das Endliche berührt im Gebet das Unendliche.
Der Mensch interagiert mit dem Schöpfer des unfassbaren Universums mit seinen Milliarden von Galaxien. Gott lädt uns ein, mit ihm Geschichte zu schreiben. Gebet ist die Sprache, die im Haus Gottes gesprochen wird, der Ort unserer Transformation in das Bild Jesu und ein Auftrag, an dem wir nicht vorbei kommen.
Ja, Gebet ist auch ein Geheimnis und es unterliegt keiner geistlichen Mechanik, die immerzu das gewünschte Ergebnis liefert.
Aber es lohnt sich. Ich glaube, ein Grund für den Zustand der Kirche in Deutschland ist die Tatsache, dass Gebet ungeliebt ist und deshalb nicht gebetet wird.
Wann sehen wir ein, dass nur eine betende Gemeinde wirklich ein Haus Gottes ist? Wann machen wir uns auf die Reise ins Gebet? Wann werden Gemeinden zu Orten, an denen das Beten gelehrt, trainiert und selbstverständlich gelebt wird?
Ich hoffe bald.
Stellen wir uns Gemeinden vor, in denen Menschen jeden Alters gemeinsam beten – voller Erwartung, Freude und Vertrauen. Das würde vieles verändern.
Alles Liebe. Rainer