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Wenn Sehnsucht verführt

  • Autorenbild: Rainer Harter
    Rainer Harter
  • 3. Nov.
  • 4 Min. Lesezeit

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Immer wieder begegne ich Christen, die plötzlich von neuen, ungewöhnlichen oder gar sensationellen Lehren begeistert sind.

Sie sprechen dann von „neuen Offenbarungen“, von „tieferer Wahrheit“ oder davon, dass sie „etwas entdeckt haben, das die meisten Christen noch nicht erkannt haben“. Letzteres wird dann gern auch als Argument verwendet, wenn man zurückhaltend auf die Entdeckung reagiert: man habe einfach selbst noch keine Offenbarung darüber.



Warum ziehen solche Neuoffenbarungen und Sonderlehren immer wieder so viele an? Ich habe einige Theorien.



Innere Unzufriedenheit im Glaubensleben


Niemand wendet sich solchen Lehren aus böser Absicht zu. Meiner Beobachtung nach suchen diese Menschen – oft aus ehrlichem Herzen – nach mehr Tiefe, Echtheit und nach einer Erfahrung, die sie in ihrem Glaubensalltag vermissen.


Wenn das eigene Glaubensleben sich trocken anfühlt, wenn Gebet, Bibel oder Gemeinde keine Freude mehr wecken, entsteht ein innerer Mangel. Und wo ein Mangel ist, sucht der Mensch nach etwas, das ihn füllt. Dann kann aus geistlichem Hunger schnell eine Sehnsucht nach dem „Nächsten Großen“ werden – nach einer Lehre, die endlich verspricht, was man bisher nicht erlebt hat.



Der Reiz des Geheimnisvollen und Außergewöhnlichen


Wir Menschen sind anfällig für Dinge, die uns das Gefühl geben, Eingeweihte zu sein. Das liegt tief in unserer Natur. Eine Lehre, die „verborgene Wahrheiten“ enthüllt oder „neue geistliche Dimensionen“ verspricht, kitzelt genau diesen Teil in uns. Das wirkt zunächst inspirierend, doch oft führen solche Ideen nicht in die Freiheit, sondern in eine subtile Abhängigkeit von Personen, Gruppen oder Denkweisen, die sich selbst zum Maßstab machen.



Psychologische und soziale Faktoren


Auch die Forschung zeigt: Menschen, die sich isoliert fühlen, weniger eingebunden sind oder mit Unsicherheit kämpfen, sind empfänglicher für starke, einfache Deutungssysteme. Das gilt in der Gesellschaft genauso wie im Glauben.

Wer sich allein oder orientierungslos fühlt, greift leichter nach etwas, das Sinn, Zugehörigkeit und Sicherheit verspricht – selbst wenn es theologisch fragwürdig ist.


Menschen haben ein tiefes Bedürfnis, besonders und einzigartig zu sein – das nennt die Psychologie den Need for Uniqueness.

Wenn jemand eine „verborgene Wahrheit“ erkennt oder Teil einer Gruppe wird, die „mehr verstanden hat als die anderen“, befriedigt das genau dieses Bedürfnis. Gruppen, die sich als „auserwählt“ oder „wissender“ verstehen, geben Mitgliedern ein Gefühl von Sicherheit und Bedeutung. Das erklärt, warum Sonderlehren, „geheime Erkenntnisse“ oder spirituelle „Eliten“ psychologisch so attraktiv sind: Sie versprechen Zugehörigkeit und Besonderheit.



Studien aus der Neuropsychologie zeigen:


Wenn Menschen Informationen erhalten, die sie als exklusiv oder „nur für wenige bestimmt“ erleben, wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert.

Es reagiert auf das Gefühl, etwas zu wissen, was andere nicht wissen, ähnlich wie auf Anerkennung oder Erfolg – es schüttet Dopamin aus.


Auch Personen, die Unsicherheit schlecht aushalten, sind anfälliger für einfache Erklärungen – besonders für solche, die sie „in den Kreis der Wissenden“ einbeziehen.

Sie erleben eine kognitive Belohnung, das Gefühl also, nicht mehr ohnmächtig zu sein, sondern zu wissen, was „hinter die Kulissen“ läuft. In “The Psychology of Conspiracy Theories.”1 zeigen die Autoren auf, dass sich Verschwörungsglaube aus drei Grundbedürfnissen speist: dem Wunsch zu verstehen, der Suche nach Sicherheit und dem Bedürfnis, zu einer besonderen Gruppe zu gehören.


Was Psychologen beobachten, bestätigt letztlich auch, was die Bibel über das menschliche Herz sagt: Wir suchen Sinn, Halt und Zugehörigkeit – und meinen oft, sie dort zu finden, wo sie doch nicht finden können. Oft ist es nicht einmal das Neue selbst, das verführt, sondern das Versprechen dahinter: „Jetzt endlich wirst du wirklich erfüllt sein.“



Das Bewährte einüben und nicht auf das nächste große Ding warten


In meinem Leben habe ich erfahren, dass  geistliches Wachstum selten durch neue Erkenntnisse ausgelöst wurde, sondern durch die beständige Nähe zu Gott. Wenn wir lernen, in seiner Gegenwart zu leben, wenn wir im Gebet, in der Gemeinschaft und in seinem Wort verwurzelt sind, werden wir innerlich satt. Und wer satt ist, läuft weniger Gefahr, sich geistlich allem zu öffnen, was gerade glänzt.


Weil dies so wichtig ist, hier ein paar konkrete Tipps. Und wenn du sagst: „Das kenne ich doch schon alles, erzähle mir etwas Neues“, frage dich bitte, warum das „Alte“ nicht ausreicht und ob du es vielleicht zu wenig in dein Alltagsleben integriert hast.



Mein Tipps:


  • Bleibe verwurzelt. Eine gesunde Gemeinschaft und geerdete geistliche Leiter sind der beste Schutz vor Irrwegen.


  • Prüfe die Quelle. Führt eine Lehre zu mehr Christusähnlichkeit, Liebe und Demut oder zu verborgenem Stolz und zur Abgrenzung?


  • Hüte dein Herz. Wenn du spürst, dass du ständig nach dem „Mehr“ suchst, frag dich ehrlich: Suche ich Gott – oder das Gefühl, etwas Besonderes zu erleben?


  • Pflege die einfachen Dinge. Gebet, Stille, Bibel, Anbetung, Gemeinschaft. Das ist kein „geistliches Mindestprogramm“, sondern der Boden, auf dem Wahrheit wächst. Viele von uns sind nicht wirklich in diesem Boden verwurzelt.


  • Bleibe lernbereit, aber wachsam. Glaube braucht Offenheit, aber auch Unterscheidungsvermögen.



Ich glaube: Die größte Freiheit liegt nicht darin, immer etwas Neues zu entdecken, sondern darin,  in die Tiefe des Altbewährten einzutauchen und darin zu leben. Dann werden wir nicht - wie Paulus es beschrieben hat - „von jedem Wind einer Lehre hin- und hergetrieben“ (Epheser 4,14), sondern bleiben verwurzelt, getragen und innerlich frei.



Ich wünsche dir eine Woche, in der du die Kraft der einfachen, bewährten Dinge neu entdeckst, die sich seit 2.000 Jahren als geistlich hilfreich und gesund erwiesen haben.


Rainer


1: Psychological Bulletin, 143(6), 538–571. https://doi.org/10.1037/bul0000088

 
 
 

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