Prüft alles.
- Rainer Harter
- vor 23 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Ich habe im Laufe meines Lebens schon viele theologische Trends kommen – und wieder gehen sehen.
Manche davon wurden mit Begeisterung aufgenommen, weiträumig verbreitet, und dann stellte sich heraus, dass sie auf tönernen Füßen standen und irgendwann die Last des eigenen Bedeutungsgewichtes nicht mehr tragen konnten, und in sich zusammenbrachen.
Immer wieder gibt es diese Trends. Sie versprechen Großes, können es jedoch meist nicht halten.
Mich schmerzt jeweils, wie viele Menschen ihre Hoffnungen darauf setzten, ihre Lebensführung darauf ausrichteten oder aber legitimierten, dann aber ent- und getäuscht werden.
Ich wünsche mir, dass wir an dieser Stelle mündiger werden. Gerade gestern sagte ich zu einer durchaus reifen Person:
Glaub nicht einfach, was ein Prediger sagt – auch nicht mir! Prüfe die Aussagen selbst, bevor du sie weitergibst oder dich daran orientierst.
Aber ich beobachte, dass genau dieses Prüfen nicht zu unseren Stärken gehört. Das hat sicher mehrere Gründe, einer davon aber ist die fehlende Auseinandersetzung mit dem Text, auf den sich der gesamte christliche Glaube stützt und in dem wir die Selbstoffenbarung Gottes finden können, wie an keiner anderen Stelle: der Bibel.
Wir lesen sie zu selten. Und wo wir sie lesen, tun wir es oft mit einer Brille, die schon vorher weiß, was sie erkennen möchte.
Genau hier tut sich eine Falle auf.
Die Hinführung zu Überbetonungen und Neuoffenbarungen geschieht selten grob und laut. Meistens ist sie fein, freundlich, sympathisch. Denn eine Theologie, die uns gefällt, fühlt sich nicht wie ein Irrtum an - sondern wie eine Befreiung. Sie verspricht, uns eine Last abzunehmen, die schwer geworden war. Sie legitimiert, wonach wir uns ohnehin schon sehnten.
Und ehe wir es merken, klingt das, was wir hören wollten, wie das, was Gott gesagt haben müsste.
Und es ist ein Unterschied, ob ich vor dem Text stehe und ihn zu mir darüber sprechen lasse, wer Gott ist und wie ich ihm folgen kann - oder ob ich im Text nur noch suche, was meine Hoffnungen und Sehnsüchte bestätigt.
Ein Beispiel:
Gestern erst sprach ich mit jemandem über die Behauptung, Gott habe den Menschen ursprünglich androgyn geschaffen. Obwohl ich diese Auslegung kenne und auch eine Antwort darauf geben konnte, habe ich mir noch einmal die Zeit genommen, diese Aussage - die so gut in unsere Zeit zu passen scheint - aus theologischer und etymologischer Sicht zu prüfen. Vermutlich werde ich meine Ausarbeitung dazu demnächst in einem Video veröffentlichen.
Ja, das hat Zeit gekostet, aber es macht mir Freude, theologische Trends zu prüfen.
Schnell kann aus einer Idee, die zu einer Sehnsucht oder zu einem Zeitgeist passt, eine „angebliche Tatsache” werden – weitergereicht von einem Mund zum nächsten, bekräftigt durch bekannte Namen, und irgendwann geglaubt, ohne dass jemand noch einmal zur Quelle zurückgegangen wäre.
Ähnliches habe ich bei manchen Strömungen der feministischen Theologie beobachtet, und ich beobachte es in vielen Fragen der Sexualethik. Nicht selten beginnt es mit einer echten Not, einer echten Erfahrung, einem echten Wunsch – und das nehme ich ernst.
Aber dann geschieht etwas Entscheidendes: Die Erfahrung wird zum Maßstab.
Der Wunsch wird zum Maßstab. Und die Schrift wird von der Stimme, die uns etwas zu sagen hat, zur bloßen Verzierung dessen, was wir ohnehin schon dachten.
Eigentlich offenbart sich Gott, und wir formen unser Leben um ihn herum. Wir stehen in der Gefahr, Gott um unser Leben herum zu formen. Wir bauen uns eine christliche Welt, in der vieles fromm klingt – und die sich doch außerhalb der Worte Jesu und außerhalb dessen ansiedelt, wie Gott sich selbst gezeigt hat.
Und hier werde ich ernst, so werbend ich es auch meine: Ein solcher Glaube ist nicht folgenlos. Jesus hat einmal von zwei Häusern gesprochen. Von außen sahen sie sich vielleicht ähnlich. Erst als der Regen kam und die Ströme und die Winde, zeigte sich der Unterschied: Das eine stand auf Fels, das andere auf Sand. Ein Glaube, den wir uns nach unseren Wünschen zurechtlegen, mag sich lange gut anfühlen.
Aber er trägt nicht, wenn es darauf ankommt. Er steht – um im Bild vom Anfang zu bleiben – auf tönernen Füßen. Und was auf tönernen Füßen steht, bricht irgendwann unter dem eigenen Gewicht zusammen.
Deshalb wünsche ich mir für uns – für dich und für mich – dass wir mündiger werden. Nicht misstrauischer, nicht kälter, nicht rechthaberischer. Sondern wach. Dass wir den Mut haben zu prüfen. Dass wir fragen: Wo steht das eigentlich? Woran misst sich das?
Gott hat sich nicht verborgen, damit wir ihn erfinden. Er hat sich gezeigt, damit wir ihn finden. Eine schlichte, unspektakuläre und doch so wichtige Übung des Glaubens besteht darin, immer wieder zur Quelle zurückzukehren und zu fragen, ob der neueste theologische Trend auch wahr ist.
Alles Liebe. Rainer